Die finanzielle Kluft zwischen Männern und Frauen ist auch im Landkreis Gifhorn ein präsentes Thema, das weit über eine reine Zahl hinausgeht. Sie beeinflusst Lebensentscheidungen, die Altersvorsorge und die persönliche Unabhängigkeit. Doch Frauen sind dieser Situation nicht machtlos ausgeliefert, wie Barbara Hartung, Vorsitzende des Landesfrauenrats Niedersachsen, in einem aufschlussreichen Gespräch betont – es gibt konkrete Hebel, die jede Frau ansetzen kann.

Hintergrund: Der Gender-Pay-Gap in Deutschland und Niedersachsen

Der Begriff Gender-Pay-Gap beschreibt die prozentuale Differenz im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Männern und Frauen. In Deutschland lag diese Lücke im Jahr 2023 bei 18 Prozent. Das bedeutet, Frauen verdienten im Schnitt 18 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Rechnet man diesen Unterschied auf das Jahr hoch, ergibt sich der Equal Pay Day – der Tag, bis zu dem Frauen quasi unbezahlt arbeiten, während Männer bereits seit dem 1. Januar für ihre Arbeit entlohnt werden. Dieser Tag fiel zuletzt auf den 6. März.

Die Ursachen für diese Lohnlücke sind vielschichtig und tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert. Ein wesentlicher Faktor ist die Berufswahl: Frauen arbeiten überproportional häufig in sozialen und pflegerischen Berufen, die systematisch schlechter bezahlt werden als technisch-gewerbliche Berufe, in denen Männer dominieren. Zudem arbeiten Frauen weitaus häufiger in Teilzeit oder in Minijobs, oft bedingt durch die Übernahme von unbezahlter Sorgearbeit (Care-Arbeit) für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige. Diese Karriereunterbrechungen und reduzierten Arbeitszeiten führen nicht nur zu einem geringeren laufenden Einkommen, sondern haben auch dramatische Auswirkungen auf die Rentenansprüche und münden nicht selten in Altersarmut.

Frühe Weichenstellungen: Die Macht der Berufs- und Bildungswahl

Der Grundstein für finanzielle Selbstbestimmung wird oft schon in jungen Jahren gelegt. Laut Barbara Hartung können Frauen dem Gender-Pay-Gap aktiv entgegenwirken, indem sie bewusste Entscheidungen bei Bildung und Berufswahl treffen.

Berufswahl jenseits von Klischees

„Mädchen können genauso gut Mathe, Physik oder Chemie wie Jungen“, stellt Hartung klar und verweist auf wissenschaftliche Studien. Dennoch halten sich traditionelle Rollenbilder hartnäckig. Junge Frauen sollten ermutigt werden, ihre Interessen und Talente unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen zu verfolgen. Anstatt sich nur auf klassische „Frauenberufe“ wie Friseurin oder Erzieherin zu konzentrieren, lohnt sich ein Blick auf zukunftsträchtige und besser bezahlte Branchen. Warum nicht Maschinenbau statt Kunstgeschichte studieren? Oder eine Ausbildung zur Mechatronikerin statt zur Kauffrau für Büromanagement in Erwägung ziehen? Projekte wie das „Niedersachsen-Technikum“ bieten jungen Frauen nach dem Abitur die Möglichkeit, durch Praktika und Uni-Einblicke technische Berufsfelder kennenzulernen und Hemmschwellen abzubauen.

Sich umfassend informieren

Eine proaktive Informationssuche ist entscheidend. Hartung rät jungen Frauen, sich intensiv mit den folgenden Fragen auseinanderzusetzen:

  • Welche Berufe bieten gute Aufstiegschancen?
  • Wie sehen die Gehaltsstrukturen in verschiedenen Branchen aus?
  • Welche langfristigen Perspektiven bietet ein bestimmter Karriereweg?

Zahlreiche Anlaufstellen können dabei helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen. Dazu gehören die Studienberatungen an Hochschulen, die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit sowie unzählige Online-Ressourcen und Studien. Der Schlüssel liegt darin, die eigenen Neigungen mit den Realitäten des Arbeitsmarktes abzugleichen.

Selbstbewusst im Job: Gehaltsverhandlungen und finanzielle Transparenz

Auch nach dem Berufseinstieg gibt es entscheidende Stellschrauben. Eine davon ist die Gehaltsverhandlung, bei der Frauen oft eine unangebrachte Bescheidenheit an den Tag legen. „Studien haben leider auch ergeben, dass Frauen sich grundsätzlich unter- und Männer hingegen überschätzen“, so Hartung. Ein gesundes Selbstbewusstsein, das auf den eigenen Kompetenzen und Leistungen fußt, ist hier unerlässlich.

Ein wichtiges Werkzeug ist das Entgelttransparenzgesetz. In Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Auskunftsanspruch. Sie können erfahren, wie hoch das Durchschnittsgehalt von Kollegen in vergleichbaren Positionen ist. Dieses Wissen stärkt die eigene Verhandlungsposition enorm. Ein kürzlich ergangenes Gerichtsurteil untermauert dies: Es entschied, dass alleiniges Verhandlungsgeschick des männlichen Kollegen kein sachlicher Grund für eine höhere Bezahlung bei gleicher Arbeit ist.

Private Absprachen: Warum der Partner eine entscheidende Rolle spielt

Die Lohnlücke wird maßgeblich durch private Lebensentscheidungen beeinflusst. Die traditionelle Aufteilung, bei der die Frau den Großteil der unbezahlten Sorge- und Hausarbeit (Care-Arbeit) übernimmt und dafür beruflich zurücksteckt, ist eine der größten Fallen auf dem Weg in die Altersarmut.

Die Teilzeitfalle und ihre Folgen

„Die Ehe ist kein Versorgungsinstitut mehr“, warnt Hartung. Frauen sollten sich darauf nicht verlassen. Stattdessen ist eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Partner über die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit unerlässlich – und das idealerweise, bevor Kinder kommen. Wer seine Arbeitszeit reduziert, um sich um die Familie zu kümmern, sollte dies nicht ohne finanziellen Ausgleich tun. Teilzeit und Minijobs führen direkt in eine niedrigere Rente. Die langfristigen Folgen sind gravierend und führen dazu, dass Frauen im Alter oft finanziell schlechter dastehen, insbesondere nach einer Scheidung.

Vertragliche Regelungen schaffen Sicherheit

Paare können und sollten diese Aspekte vertraglich regeln. In einem Ehevertrag oder einer Partnerschaftsvereinbarung kann festgehalten werden, wie der finanzielle Nachteil, der durch Karrierepausen oder Teilzeitarbeit entsteht, ausgeglichen wird. Eine konkrete Möglichkeit ist der Nachkauf von Rentenpunkten. Der erwerbstätige Partner kann Einzahlungen in die Rentenkasse des Partners leisten, der die Sorgearbeit übernimmt. Solche vertraglichen Regelungen bieten im Falle einer Trennung eine essenzielle Absicherung und sorgen für Fairness innerhalb der Partnerschaft.

Häufige Fragen

Was genau ist der bereinigte Gender-Pay-Gap?

Der unbereinigte Gender-Pay-Gap vergleicht den Durchschnittsverdienst aller Männer und Frauen. Der bereinigte Gap hingegen vergleicht nur Männer und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Berufen und Erwerbsbiografien. Dieser liegt in Deutschland bei etwa 6 Prozent und deutet darauf hin, dass Frauen selbst bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation oft weniger verdienen.

Kann ich meinen Partner vertraglich verpflichten, für meine Rente aufzukommen?

Ja, das ist möglich. In einem Ehe- oder Partnerschaftsvertrag können Paare Regelungen zum sogenannten Versorgungsausgleich treffen. Es kann beispielsweise vereinbart werden, dass der Partner, der in Vollzeit arbeitet, Ausgleichszahlungen in die private oder gesetzliche Rentenversicherung des anderen Partners leistet, um die Nachteile aus Teilzeitarbeit oder Kindererziehungszeiten zu kompensieren.

Welche politischen Maßnahmen könnten die Lohnlücke verringern?

Expertinnen wie Barbara Hartung fordern mehrere politische Schritte. Dazu gehört die finanzielle Aufwertung von systemrelevanten, aber unterbezahlten „Frauenberufen“ im sozialen und pflegerischen Bereich. Eine weitere zentrale Forderung ist die Abschaffung des Ehegattensplittings, das oft einen Anreiz dafür schafft, dass der schlechter verdienende Partner (meist die Frau) nur in Teilzeit oder gar nicht arbeitet.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Weg zu finanzieller Gleichberechtigung sowohl strukturelle Veränderungen als auch individuelles Handeln erfordert. Für Frauen im Landkreis Gifhorn und darüber hinaus ist es entscheidend, sich frühzeitig zu informieren, Rollenklischees bei der Berufswahl zu hinterfragen, selbstbewusst für das eigene Gehalt einzustehen und private Partnerschaften auf ein faires finanzielles Fundament zu stellen. Die eigenständige Existenzsicherung ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben und schützt vor Abhängigkeit und Altersarmut.