Die Nachricht aus Berlin schlägt hohe Wellen, auch hier im Landkreis Gifhorn: Der Bundestag hat eine Gesetzesänderung verabschiedet, die den Abschuss von Wölfen erleichtern soll. Für viele Weidetierhalter, die um ihre Herden fürchten, klingt das wie eine lang ersehnte Erleichterung. Doch bei Naturschützern und Wissenschaftlern stößt die Entscheidung auf massive Kritik und schürt die Sorge vor einer ineffektiven und gefährlichen Symbolpolitik.

Was das neue Wolfsgesetz konkret vorsieht

Die Debatte um den Wolf ist emotional und spaltet die Gesellschaft. Die Bundesregierung versucht nun, mit einer Anpassung des Bundesnaturschutzgesetzes einen Kompromiss zu finden. Kern der Neuregelung ist die Möglichkeit, Wölfe schneller und unbürokratischer zu töten, nachdem sie Nutztiere gerissen haben. Bisher war dafür ein aufwendiger Nachweis per DNA-Analyse nötig, um den exakten „Problemwolf“ zu identifizieren. Diese Anforderung soll nun in bestimmten Fällen entfallen.

Die wichtigsten Punkte der Gesetzesänderung umfassen:

  • Schnellere Abschussgenehmigungen: Nach einem Riss an Weidetieren, bei denen ein „zumutbarer Grundschutz“ vorhanden war, können die Behörden eine Abschussgenehmigung für einen Wolf erteilen.
  • Wegfall der DNA-Analyse: Es muss nicht mehr abgewartet werden, welcher Wolf genau für den Riss verantwortlich war.
  • Räumlicher und zeitlicher Rahmen: Der Abschuss ist in einem Radius von bis zu 20 Kilometern um die betroffene Weide und für einen Zeitraum von 21 Tagen nach dem Rissereignis möglich.
  • Ausnahmeregelungen für „wolfsfreie Weidegebiete“: In bestimmten Regionen, in denen Herdenschutz als besonders schwierig oder „unzumutbar“ gilt (z.B. auf Deichen oder in alpinen Lagen), sollen noch weitergehende Regelungen möglich sein.

Ziel der Regierung ist es, den Druck von den Weidetierhaltern zu nehmen und die Akzeptanz für den Wolf in der Bevölkerung zu erhalten. Doch die Frage, die sich viele Experten stellen, lautet: Ist das der richtige Weg?

Hintergrund

Der Wolf ist nach über 150 Jahren Abwesenheit nach Deutschland und auch in den Landkreis Gifhorn zurückgekehrt. Als streng geschützte Art nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) hat sich seine Population in den letzten Jahren stabilisiert und ausgebreitet. Niedersachsen gilt als eines der Kernländer der deutschen Wolfspopulation, und auch in unserer Region sind mehrere Rudel heimisch. Diese Rückkehr ist aus ökologischer Sicht ein Erfolg, stellt die Landwirtschaft jedoch vor enorme Herausforderungen.

Immer wieder kommt es zu Rissen von Schafen, Ziegen und gelegentlich auch Kälbern. Für die betroffenen Betriebe bedeutet dies nicht nur einen finanziellen Schaden, sondern auch eine immense emotionale Belastung. Der Ruf nach einer Regulierung des Wolfsbestandes wurde daher in den letzten Jahren immer lauter. Die Politik stand unter dem Druck, eine Lösung zu präsentieren, die sowohl den Artenschutz respektiert als auch die Sorgen der ländlichen Bevölkerung ernst nimmt. Das nun beschlossene Gesetz ist das Ergebnis dieses langen und kontroversen Ringens.

Experten warnen: Führt weniger Wolf wirklich zu weniger Rissen?

Die zentrale Annahme hinter dem neuen Gesetz ist, dass eine Reduzierung der Wolfszahl automatisch zu weniger Angriffen auf Nutztiere führt. Doch zahlreiche wissenschaftliche Studien und Erfahrungen aus dem Ausland stellen diese Hypothese ernsthaft infrage. Kritiker befürchten, dass die pauschale Bejagung nicht nur wirkungslos, sondern sogar kontraproduktiv sein könnte.

Die Lehren aus dem Ausland

Ein Blick nach Frankreich ist ernüchternd. Dort wird seit Jahren eine intensive Jagd auf Wölfe betrieben, bei der jährlich rund 20 Prozent der Population legal geschossen werden. Trotz eines vergleichbaren Wolfsbestandes wie in Deutschland wurden in Frankreich im Jahr 2023 dreimal so viele Nutztierrisse registriert. Dies legt den Schluss nahe, dass die reine Bestandsreduktion kein Allheilmittel ist.

Zerstörung sozialer Rudelstrukturen

Ein weiteres, von Wildbiologen häufig genanntes Argument ist die Gefahr der Zerstörung intakter Rudelstrukturen. Ein Wolfsrudel ist ein komplexes soziales Gefüge, in dem die erfahrenen Elterntiere die jungen Wölfe anleiten. Sie lehren sie, wie man effektiv Wildtiere wie Rehe und Wildschweine jagt. Wird nun ein unauffälliges, erfahrenes Tier aus einem solchen Rudel geschossen, kann dies fatale Folgen haben:

  • Das Rudel zerfällt oder wird desorganisiert.
  • Unerfahrene Jungwölfe bleiben zurück und wissen nicht, wie sie erfolgreich jagen sollen.
  • Auf der Suche nach leichter Beute könnten sie sich vermehrt ungeschützten Weidetieren zuwenden.

Somit könnte der Abschuss eines „falschen“ Wolfes am Ende sogar zu mehr Rissen führen, anstatt sie zu verhindern. Der breite Radius von 20 Kilometern erhöht das Risiko, dass Rudel betroffen sind, die mit dem ursprünglichen Angriff gar nichts zu tun hatten.

Herdenschutz als Schlüssel: Eine vernachlässigte Alternative?

Während sich die öffentliche Debatte oft auf den Abschuss konzentriert, betonen Fachleute immer wieder die überragende Bedeutung des Herdenschutzes. Die Praxis zeigt: Die überwältigende Mehrheit aller Risse findet bei nicht oder nur unzureichend geschützten Herden statt. Wirksamer Herdenschutz ist aufwendig und teuer, aber er ist die nachweislich effektivste Methode, um Angriffe zu verhindern.

Zu den bewährten Maßnahmen gehören:

  • Elektrifizierte Zäune: Mindestens 90 cm hohe, besser 120 cm hohe, wolfsabweisende Zäune mit ausreichend Stromspannung.
  • Herdenschutzhunde: Speziell ausgebildete Hunde, die mit der Herde leben und sie aktiv gegen Beutegreifer verteidigen.
  • Behirtung: Die ständige Anwesenheit eines Schäfers bei der Herde.

Kritiker des neuen Gesetzes befürchten, dass die erleichterte Abschussmöglichkeit den Fokus vom Herdenschutz weglenken könnte. Wenn sich Weidetierhalter in einer trügerischen Sicherheit wiegen, könnten sie bei den Präventionsmaßnahmen nachlässig werden. Zudem stellt sich die Frage der Förderung. In Gebieten, die pauschal als „wolfsfreie Weidegebiete“ deklariert werden, könnte der Herdenschutz als „unzumutbar“ gelten – mit der möglichen Konsequenz, dass öffentliche Fördergelder für Zäune und Hunde gestrichen werden. Dies wäre ein fatales Signal und würde die Prävention untergraben, anstatt sie zu stärken.

Häufige Fragen

Dürfen Wölfe im Kreis Gifhorn jetzt generell gejagt werden?

Nein. Der Wolf bleibt eine nach nationalem und internationalem Recht streng geschützte Tierart. Das neue Gesetz schafft keine allgemeine Jagdzeit. Es erleichtert lediglich die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung zum Abschuss eines Wolfes in einem klar definierten Gebiet und Zeitraum, nachdem ein Riss an geschützten Nutztieren stattgefunden hat.

Was ist der Unterschied zwischen einem „Problemwolf“ und einem normalen Wolf?

Ein normaler, unauffälliger Wolf meidet den Menschen und ernährt sich hauptsächlich von Wildtieren wie Rehen und Wildschweinen. Ein sogenannter „Problemwolf“ ist ein Individuum, das gelernt hat, Herdenschutzmaßnahmen wiederholt zu überwinden, oder das seine natürliche Scheu vor Menschen verloren hat. Der gezielte Abschuss solcher Individuen wird von den meisten Experten als notwendig erachtet. Die neue Regelung zielt jedoch nicht ausschließlich auf diese Problemtiere ab, was zu Kritik führt.

Welche Unterstützung gibt es für Weidetierhalter im Landkreis Gifhorn?

In Niedersachsen gibt es Förderprogramme, die Weidetierhalter bei der Anschaffung von Schutzmaterialien wie wolfsabweisenden Zäunen oder bei der Haltung von Herdenschutzhunden finanziell unterstützen. Zudem bieten Beratungsstellen wie die Landwirtschaftskammer Niedersachsen Informationen und Hilfe bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen. Es ist entscheidend, dass diese Angebote unbürokratisch zugänglich sind und von den Betrieben auch in Anspruch genommen werden.

Das neue Wolfsgesetz ist ein politischer Versuch, auf die wachsenden Konflikte zu reagieren. Ob es die erhoffte Entlastung für die Weidetierhalter im Landkreis Gifhorn bringt, ohne den Artenschutz zu gefährden, wird die Zukunft zeigen müssen. Viele Experten bleiben skeptisch und mahnen, dass eine nachhaltige Lösung nur in einem konsequenten und flächendeckend geförderten Herdenschutz liegen kann. Eine reine Fokussierung auf den Abschuss greift zu kurz und ignoriert die komplexen ökologischen Zusammenhänge. Für eine friedliche Koexistenz von Mensch und Wolf in unserer Kulturlandschaft braucht es mehr als nur das Gewehr – es braucht Prävention, Beratung und einen faktenbasierten Dialog.