Ein lauter Schrei, panisches Scharren, dann Stille. Ein Pferd ist im Anhänger gestürzt und kann sich nicht mehr befreien. Solche Szenarien sind der Albtraum für jeden Tierbesitzer und eine immense Herausforderung für Rettungskräfte. Was für die Feuerwehr in Katlenburg (Landkreis Northeim) kürzlich nur eine Übung war, ist eine Realität, auf die auch die Wehren im Landkreis Gifhorn jederzeit vorbereitet sein müssen.

Wenn der sanfte Riese Hilfe braucht: Die ersten Minuten entscheiden

Stellen Sie sich ein 500 Kilogramm schweres Pferd vor, das in einem engen Graben liegt, oder eine Kuh, die bis zum Bauch im Schlamm versunken ist. In solchen Momenten sind nicht nur Muskelkraft, sondern vor allem Wissen, Technik und Einfühlungsvermögen gefragt. Bei einer kürzlich durchgeführten Fortbildung wurde genau das trainiert. Unter der Leitung von Ausbilder Michael Böhler lernten die Einsatzkräfte, wie man mit derartigen Extremsituationen umgeht. Der erste Schritt ist dabei nicht der Griff zum schweren Gerät, sondern das Verständnis für das Tier.

„Ein Tier, das mehrere hundert Kilo wiegt, ist immer eine besondere Herausforderung“, erklärt Böhler. Ein echtes Tier in Panik reagiert unberechenbar. Es kann treten, beißen oder sich durch unkontrollierte Bewegungen selbst weiter verletzen. Deshalb stand am Anfang der Übung die Theorie: Wie reagieren Pferde auf Stress? Welche Signale senden sie aus? Und vor allem: Wie schützen sich die Retter selbst? Die sogenannte „Kickzone“, der Bereich, in dem ein Pferd mit den Hufen ausschlagen kann, ist für die Einsatzkräfte eine absolute Tabuzone. Leises Sprechen, ruhige Bewegungen und ein koordinierter Plan sind entscheidend, um die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen.

Hintergrund: Warum die Großtierrettung immer relevanter wird

Die Notwendigkeit solcher Spezialausbildungen ist keine theoretische Überlegung, sondern eine direkte Reaktion auf eine steigende Zahl von Einsätzen. Martin Niehoff, Ortsbrandmeister der Feuerwehr Katlenburg, bestätigt diesen Trend: „Gerade in den letzten zwei Jahren haben die Einsätze deutlich zugenommen.“ Seine Wehr rückt mittlerweile drei- bis viermal pro Jahr zu Notfällen mit Großtieren aus. Oft handelt es sich um Unfälle im unwegsamen Gelände, abseits von befestigten Straßen.

Auch für den Landkreis Gifhorn ist diese Entwicklung von hoher Relevanz. Als ländlich geprägte Region mit zahlreichen Pferdehöfen, landwirtschaftlichen Betrieben und weitläufigen Naturgebieten wie dem Großen Moor oder den Flussniederungen von Aller und Ise ist das Risiko für solche Vorfälle allgegenwärtig. Ob ein Reitunfall im Wald, ein ausgebüxtes Rind auf einer feuchten Wiese oder ein Pferd, das in einen Wassergraben gerät – die ehrenamtlichen Kräfte der Freiwilligen Feuerwehren müssen für diese komplexen Lagen gewappnet sein. Die Investition in spezielle Ausrüstung und Fortbildungen ist daher keine Kür, sondern eine Pflicht, um Tierwohl und die Sicherheit der Helfer zu gewährleisten.

Die Kunst der sanften Bergung: Ein Zusammenspiel aus Technik und Teamwork

Die eigentliche Rettung ist ein präzise choreografierter Ablauf, der im Training mit einem rund 200 Kilogramm schweren Pferdedummy namens „Hope“ realitätsnah simuliert wurde. Jeder Handgriff muss sitzen, denn Fehler können fatale Folgen haben.

Verstehen vor Handeln: Die Psychologie des Tieres

Bevor auch nur ein Gurt angelegt wird, analysiert das Team die Situation. Wie liegt das Tier? Ist es bei Bewusstsein? Sind Verletzungen sichtbar? Die Kommunikation mit dem anwesenden Besitzer ist dabei von unschätzbarem Wert, denn niemand kennt das Tier besser. Gleichzeitig müssen die Einsatzkräfte die oft hochemotionale Lage managen und den Besitzer beruhigen, um professionell arbeiten zu können. Das Ziel ist immer eine schonende Rettung, die dem Tier keinen zusätzlichen Stress oder Schmerz zufügt.

Die Rettungskette: Jeder Handgriff zählt

Ist der Plan klar, beginnt die eigentliche Arbeit. Die Rettung folgt einer genau definierten Kette von Maßnahmen, bei der jedes Teammitglied seine Aufgabe kennt. Dies umfasst unter anderem:

  • Sicherung der Lage: Das Tier wird gegen weiteres Abrutschen oder unkontrollierte Bewegungen gesichert.
  • Anlegen der Rettungsgurte: Spezielle, breite Gurte und Hebegeschirre werden vorsichtig unter den Körper des Tieres geschoben. Dies erfordert viel Fingerspitzengefühl und Koordination.
  • Einsatz von Technik: Je nach Lage kommt schweres Gerät zum Einsatz. Das kann ein Kran, ein Teleskoplader eines benachbarten Landwirts oder die Seilwinde eines Rüstwagens sein.
  • Kommunikation: Klare und knappe Kommandos sind unerlässlich. Ein Verantwortlicher leitet den Hebevorgang, während die anderen das Tier führen und stabilisieren.

Bei der Übung wurde der Dummy schließlich mit einem Kran langsam und kontrolliert aus seiner misslichen Lage gehoben und sicher auf festem Boden abgesetzt. Ein Erfolg, der im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden kann und das Ergebnis von guter Vorbereitung und perfektem Teamwork ist.

Häufige Fragen

Was sollte ich tun, wenn ich ein großes Tier in Not sehe?

Das Wichtigste ist, nicht selbst einzugreifen und sich in Gefahr zu bringen. Halten Sie einen sicheren Abstand und wählen Sie sofort den Notruf 112. Beschreiben Sie der Leitstelle so genau wie möglich den Ort und die Situation. Wenn es gefahrlos möglich ist, können Sie versuchen, beruhigend auf das Tier einzureden, aber unternehmen Sie keine eigenen Rettungsversuche.

Verfügt jede Feuerwehr im Landkreis Gifhorn über die Ausrüstung zur Großtierrettung?

Nicht jede Ortsfeuerwehr kann die komplette Spezialausrüstung für die Großtierrettung vorhalten. Während Basisausrüstung oft vorhanden ist, sind teure Spezialgeräte wie Hebegeschirre für Pferde oder Kühe meist bei größeren Stützpunktfeuerwehren oder in den Technischen Zügen der Kreisfeuerwehrbereitschaft stationiert. Diese werden im Bedarfsfall zur Unterstützung alarmiert, um eine professionelle Rettung im gesamten Landkreis zu gewährleisten.

Wer trägt die Kosten für einen solchen Feuerwehreinsatz?

Die Kostenfrage ist oft komplex. Grundsätzlich gilt in Deutschland, dass der Tierhalter für die durch sein Tier verursachten Kosten aufkommen muss. Das schließt auch die Kosten eines Rettungseinsatzes ein. Es ist daher für jeden Besitzer von Großtieren dringend zu empfehlen, eine entsprechende Tierhalter-Haftpflichtversicherung abzuschließen, die solche Einsatzkosten abdeckt.

Zusammenfassend zeigt die intensive Ausbildung der Feuerwehrkräfte, dass die Rettung von Großtieren weit mehr ist als nur ein technischer Einsatz. Sie ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die tiefes Verständnis für Tiere, psychologisches Geschick im Umgang mit den Besitzern und eine perfekt eingespielte Teamleistung erfordert. Für eine ländliche Region wie den Landkreis Gifhorn ist die stetige Weiterbildung der ehrenamtlichen Helfer in diesem Bereich unerlässlich, um für den tierischen Ernstfall bestmöglich gerüstet zu sein und das Wohl von Mensch und Tier zu schützen.