Ein Neuzugang auf langen Beinen sorgt im Opel-Zoo in Kronberg für Aufsehen und Rührung. Doch der Start ins Leben für das kleine Giraffenkalb Mumbi war alles andere als einfach und erforderte das beherzte Eingreifen des gesamten Pflegeteams. Das junge Tier, das bereits jetzt eine beachtliche Größe hat, ist nicht nur ein neuer Publikumsliebling, sondern auch ein entscheidender Hoffnungsträger für den Artenschutz einer stark gefährdeten Spezies.
Ein Start mit Hindernissen: Mumbis erste Tage
Die Geburt der kleinen Netzgiraffe verlief zunächst ohne Komplikationen. Die Freude im Zoo war groß, doch sie wurde schnell von Sorge überschattet. Die elfjährige Mutter, die zum ersten Mal Nachwuchs zur Welt brachte, zeigte kein Interesse an ihrem Kalb und verweigerte ihm die lebenswichtige erste Milch. Für die Tierpfleger begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Ein direktes Eingreifen, um das Jungtier zum Trinken zu zwingen, war undenkbar. „Man kann eine vier Meter große Giraffe nicht einfach festhalten“, erklärt Jörg Jebram, der wissenschaftliche Kurator des Zoos, die heikle Situation. Die Kraft und potenziellen Tritte einer ausgewachsenen Giraffe wären für Mensch und Jungtier eine zu große Gefahr. Das Team traf daher die schwierige, aber notwendige Entscheidung für eine kontrollierte Handaufzucht.
Mit Flasche und Fürsorge: Die Handaufzucht als Lebensretter
Seit diesem Moment ist der Alltag der Pfleger von Mumbis Fütterungszeiten geprägt. Fünfmal am Tag erhält das Giraffenkalb eine spezielle Milchmischung aus einer großen Flasche. Die Menge ist genau berechnet: Mumbi nimmt täglich etwa 10 bis 15 Prozent ihres eigenen Körpergewichts zu sich, um kräftig und gesund zu wachsen. Die intensive Betreuung zeigt bereits deutliche Erfolge. Jörg Jebram berichtet stolz, dass das Kalb schon rund fünf Kilogramm zugenommen hat und sich prächtig entwickelt. Aktuell misst der kleine Riese bereits 1,73 Meter – noch auf Augenhöhe mit einem Menschen, doch das wird sich bald ändern. Ausgewachsen wird Mumbi eine beeindruckende Höhe von bis zu vier Metern erreichen.
Hintergrund
Die Geburt von Mumbi ist weit mehr als nur ein freudiges Ereignis für den Zoo. Sie ist ein wichtiger Baustein in einem globalen Bemühen, eine faszinierende Tierart vor dem Aussterben zu bewahren. Um die Bedeutung dieses Nachwuchses vollständig zu verstehen, muss man den dramatischen Rückgang der Giraffenpopulationen in ihrem natürlichen Lebensraum betrachten.
Die bedrohte Schönheit: Der Status der Netzgiraffe
Netzgiraffen, benannt nach ihrem markanten, netzartigen Fellmuster, sind in den Savannen Ostafrikas beheimatet. Doch ihre majestätische Erscheinung täuscht über ihre prekäre Situation hinweg. In den vergangenen 30 Jahren ist der Bestand der Netzgiraffen in freier Wildbahn um alarmierende 42 Prozent zurückgegangen. Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Lebensraumverlust: Die Ausdehnung menschlicher Siedlungen, Landwirtschaft und Infrastruktur zerstört und fragmentiert die Savannen, die Giraffen zum Überleben benötigen.
- Wilderei: Giraffen werden illegal für ihr Fleisch, ihr Fell und ihre Knochen gejagt.
- Zivile Unruhen: Politische Instabilität und Konflikte in einigen Regionen Afrikas erschweren Schutzmaßnahmen und fördern die Wilderei.
Aufgrund dieses drastischen Rückgangs wird die Netzgiraffe von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als „stark gefährdet“ eingestuft. Jedes neugeborene Kalb ist daher von unschätzbarem Wert.
Zoos als Arche Noah: Die Rolle der Erhaltungszuchtprogramme
Wissenschaftlich geführte Zoos wie der Opel-Zoo spielen eine entscheidende Rolle im modernen Artenschutz. Sie beteiligen sich an internationalen Erhaltungszuchtprogrammen (EEP), die wie eine Art „Arche Noah“ funktionieren. Das Ziel ist der Aufbau einer stabilen und genetisch vielfältigen Reservepopulation außerhalb des natürlichen Lebensraums. „Wir wissen nicht, wie sich die Situation in Afrika entwickeln wird“, betont Kurator Jebram. „Deshalb brauchen wir in unseren Zoos eine gesunde Reservepopulation.“ Mumbis Geburt stärkt diese genetische Basis und sichert das Überleben der Art für die Zukunft. Theoretisch wäre eine spätere Auswilderung von in Zoos geborenen Tieren denkbar, allerdings nur, wenn die Bedrohungen in der Wildnis erfolgreich beseitigt werden können.
Mumbis Zukunft: Ein Leben als Botschafterin
Obwohl ihr Start ins Leben holprig war, zeigt Mumbi schon jetzt einen bemerkenswert starken Charakter. Die Tierpfleger beschreiben sie als außergewöhnlich selbstbewusst und forsch für ihr junges Alter. „Sie weiß schon genau, was sie möchte“, so Jebram. Diese Willensstärke hat ihr geholfen, die kritischen ersten Tage ohne Mutterbindung gut zu überstehen. Inzwischen hat sie bereits erste, vorsichtige Schritte im Vorgehege unternommen und ihre Umgebung erkundet. Sobald sie sicherer auf ihren langen Beinen ist, steht der nächste große Schritt bevor: die Zusammenführung mit der restlichen Giraffenherde und das Erkunden der großen Außenanlage. Dort wird sie auf andere afrikanische Tierarten wie Zebras, Gnus und Impalas treffen und ein möglichst naturnahes Leben führen. Mumbi wird nicht nur zu einer stattlichen Giraffendame heranwachsen, sondern auch eine wichtige Botschafterin für ihre bedrohten Artgenossen in der Wildnis sein.
Häufige Fragen
Warum wird das Giraffenbaby von Hand aufgezogen?
Mumbis Mutter, eine Erstgebärende, hat das Kalb nach der Geburt nicht angenommen und ihm das Trinken verweigert. Da ein erzwungenes Säugen bei einem so großen und wehrhaften Tier wie einer Giraffe zu gefährlich für alle Beteiligten wäre, entschied sich das Zooteam für eine sichere und kontrollierte Handaufzucht, um das Überleben des Jungtiers zu sichern.
Wie bedroht sind Netzgiraffen wirklich?
Netzgiraffen gelten laut der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) als „stark gefährdet“. Ihr Bestand in den afrikanischen Heimatländern ist in den letzten drei Jahrzehnten um über 40 Prozent gesunken, hauptsächlich aufgrund von Lebensraumverlust und illegaler Jagd.
Kann man Mumbi schon im Opel-Zoo besuchen?
Mumbi befindet sich derzeit noch in einem geschützten Bereich hinter den Kulissen und im Vorgehege, um sich in Ruhe entwickeln zu können. Besucher können sie mit etwas Glück bereits bei ihren ersten Erkundungen im Vorgehege beobachten. Wann sie dauerhaft auf der großen Außenanlage zu sehen sein wird, hängt von ihrer weiteren Entwicklung ab. Aktuelle Informationen dazu finden sich meist auf der Webseite des Zoos.
Die Geschichte von Mumbi ist ein berührendes Beispiel für die Hingabe von Tierpflegern und die unverzichtbare Rolle, die moderne Zoos im globalen Artenschutz spielen. Jeder Entwicklungsschritt des kleinen Riesen wird mit Spannung verfolgt, denn sie ist mehr als nur ein niedliches Tierbaby – sie ist ein lebendiges Symbol der Hoffnung für die Zukunft der Giraffen.

