Ein Himmel voller Sterne – und plötzlich verdunkelt sich der Mond. Doch es ist keine Finsternis, sondern ein lebendiger, pulsierender Schwarm aus Tausenden von Vögeln, der in einer perfekt choreografierten Formation vor der leuchtenden Mondscheibe tanzt. Dieses seltene und magische Schauspiel, eine sogenannte Murmuration von Staren vor dem „Wurmmond“, fasziniert derzeit Naturfreunde weltweit und erinnert uns an die verborgenen Wunder, die sich direkt über unseren Köpfen abspielen.
Ein Tanz der Giganten: Das Phänomen der Starenschwärme
Was auf den ersten Blick wie ein chaotisches Durcheinander wirkt, ist in Wahrheit ein hochkomplexes und koordiniertes Verhalten. Die riesigen Schwärme, die Stare vor allem in den Abendstunden vor dem Schlafengehen bilden, werden in der Fachsprache als Murmuration bezeichnet. Dieses Wort leitet sich vom murmelnden, rauschenden Geräusch ab, das die Flügelschläge von Zehntausenden Vögeln erzeugen. Doch warum tun sie das? Die Forschung hat mehrere Gründe für dieses beeindruckende Verhalten identifiziert:
- Schutz vor Fressfeinden: In der Masse ist der einzelne Vogel sicherer. Greifvögel wie Falken oder Sperber haben es extrem schwer, ein einzelnes Ziel aus der sich ständig verändernden Wolke zu isolieren. Die schieren Zahlen und die unvorhersehbaren Bewegungen verwirren die Jäger.
- Wärme und Informationsaustausch: Die gemeinsamen Schlafplätze, oft in Schilfgebieten oder dichten Baumgruppen, bieten in kalten Nächten Schutz und Wärme. Zudem wird vermutet, dass die Vögel im Schwarm Informationen über gute Futterquellen austauschen.
- Synchronisation: Die Vögel fliegen nicht nach dem Kommando eines Anführers. Stattdessen reagiert jeder Star auf die Bewegungen seiner unmittelbaren Nachbarn – meist der sieben Vögel in seiner direkten Umgebung. Aus diesen einfachen lokalen Regeln entsteht das komplexe, fließende Muster des Gesamtschwarms, ein perfektes Beispiel für sogenanntes emergentes Verhalten in der Natur.
Ein solcher Schwarm kann aus einigen Tausend bis hin zu über einer Million Vögeln bestehen. Die dabei entstehenden Formationen sind einzigartig und gleichen mal einer riesigen Welle, mal einem tanzenden Band oder einer sich zusammenziehenden Kugel. Es ist eines der faszinierendsten Schauspiele, die die heimische Tierwelt zu bieten hat.
Der „Wurmmond“: Mehr als nur ein Vollmond im März
Das jüngste Ereignis wurde durch den besonderen Hintergrund noch magischer: den Vollmond im März, der traditionell als „Wurmmond“ bekannt ist. Dieser Name hat, wie viele traditionelle Mondnamen, seinen Ursprung in den Beobachtungen der Natur durch indigene Völker Nordamerikas. Er markiert den Zeitpunkt im Frühling, an dem der Boden auftaut und die ersten Regenwürmer wieder an die Oberfläche kommen. Dies lockt wiederum Vögel wie Rotkehlchen an und signalisiert unmissverständlich das Ende des Winters und den Beginn neuen Lebens.
Kulturelle Bedeutung und andere Namen
Der Wurmmond trägt je nach Kultur und Region unterschiedliche Namen, die alle den Übergang vom Winter zum Frühling widerspiegeln:
- Zuckermond: Die Ojibwe, ein indigenes Volk, nannten ihn so, weil zu dieser Zeit der Saft der Ahornbäume zu fließen beginnt, aus dem Ahornsirup gewonnen wird.
- Lenzmond: Im deutschen Sprachraum ist auch der alte Begriff „Lenz“ für den Frühling gebräuchlich.
- Krähenmond: Ein weiterer Name, der sich darauf bezieht, dass das Krähen der Krähen das Ende des Winters verkündet.
Astronomisch gesehen ist der Wurmmond einfach der erste Vollmond des meteorologischen Frühlings. Doch seine kulturellen Namen verleihen ihm eine tiefere Bedeutung und verbinden uns mit den Zyklen der Natur, die unsere Vorfahren genau beobachteten.
Hintergrund: Ein glücklicher Moment für einen Fotografen
Die spektakulären Bilder, die um die Welt gingen, wurden in Großbritannien aufgenommen. Der Fotograf Tony Nellis hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, als der Mond über South Shields, Tyne and Wear, aufging. Er wollte eigentlich nur den Vollmond fotografieren, als plötzlich der riesige Starenschwarm am Horizont erschien.
„Ich musste unweigerlich an die Redewendung ‚Der frühe Vogel fängt den Wurm‘ denken, als ich die Murmuration der Stare über dem Wurmmond sah“, berichtete Nellis. Er machte unzählige Aufnahmen, als die Vögel plötzlich herabstießen und direkt vor der Mondscheibe vorbeizogen. „Es waren so viele Vögel, dass der Mond fast vollständig von den Silhouetten Tausender Stare verdeckt wurde. Es war ein absolut erstaunlicher Anblick.“
Während die Briten dieses Schauspiel bewundern konnten, erschien der Vollmond auf der anderen Seite des Atlantiks, in Amerika, erst am darauffolgenden Morgen und fiel dort mit einer Mondfinsternis zusammen, die umgangssprachlich auch als „Blutmond“ bezeichnet wird. Dies zeigt, wie globale Himmelsereignisse je nach Standort unterschiedlich wahrgenommen werden können.
Starenschwärme auch im Landkreis Gifhorn beobachten?
Auch wenn diese speziellen Aufnahmen aus Großbritannien stammen, ist das Phänomen der Starenschwärme auch bei uns in der Region kein Unbekanntes. Der Landkreis Gifhorn mit seinen zahlreichen Natur- und Feuchtgebieten bietet potenziell ideale Bedingungen für die Rast von Staren, insbesondere während des Vogelzugs im Herbst.
Die besten Chancen, eine Murmuration zu beobachten, hat man in der Dämmerung von September bis November, wenn die Stare aus Nord- und Osteuropa bei uns Rast machen, bevor sie weiter in den Süden ziehen. Manchmal überwintern auch größere Gruppen hier. Geeignete Orte sind große Schilfgebiete, wie sie beispielsweise im Umfeld des Großen Moors oder im nahegelegenen Naturschutzgebiet Ilkerbruch bei Wolfsburg zu finden sind. Wer geduldig ist und zur richtigen Zeit an solchen Orten den Himmel beobachtet, könnte mit etwas Glück Zeuge eines ähnlichen, wenn auch vielleicht kleineren, Naturschauspiels werden. Es lohnt sich, die Augen offenzuhalten und die Natur vor unserer eigenen Haustür zu entdecken.
Häufige Fragen
Warum bilden Stare diese beeindruckenden Schwärme?
Stare bilden sogenannte Murmurationen hauptsächlich aus drei Gründen: zum Schutz vor Raubvögeln, zum Wärmeaustausch in der Nacht und zum Teilen von Informationen über Nahrungsquellen. Die schiere Masse und die unvorhersehbaren Bewegungen des Schwarms machen es für Jäger wie Falken fast unmöglich, einen einzelnen Vogel zu erbeuten.
Was bedeutet der Name „Wurmmond“?
Der Name „Wurmmond“ stammt von nordamerikanischen Ureinwohnern und bezieht sich auf den Vollmond im März. Er markiert die Zeit im Frühling, in der der Boden auftaut und die Regenwürmer wieder an die Erdoberfläche kommen, was wiederum eine wichtige Nahrungsquelle für zurückkehrende Zugvögel darstellt.
Kann man solche Starenschwärme auch in Deutschland sehen?
Ja, absolut. Besonders im Herbst, während des Vogelzugs, versammeln sich Stare an ihren Schlafplätzen in riesigen Schwärmen. Die besten Beobachtungszeiten sind die Stunden vor Sonnenuntergang in der Nähe von großen Schilfgebieten, Mooren oder städtischen Parks mit dichten Baumgruppen.
Das Zusammentreffen des Wurmmondes mit einer massiven Staren-Murmuration ist eine eindrucksvolle Erinnerung daran, wie präzise und poetisch die Rhythmen der Natur sein können. Solche Momente, festgehalten durch die Linse eines aufmerksamen Fotografen, verbinden uns mit der Welt um uns herum und zeigen, dass die größten Spektakel oft kostenlos und direkt über uns am Himmel stattfinden. Es ist eine Einladung, öfter nach oben zu schauen und die kleinen und großen Wunder zu würdigen, die unsere Umwelt bereithält.

