Die Debatte um nachhaltiges Bauen wird oft auf eine einfache Formel reduziert: Holz ist gut, Beton ist schlecht. Doch ein führender Kopf der europäischen Zementindustrie zeichnet nun ein völlig anderes Bild und warnt eindringlich vor den Folgen einer ideologisch geführten Klimapolitik im Bausektor. Haimo Primas, Österreich-Chef des globalen Baustoffriesen Holcim, sorgt mit scharfer Kritik an Politikern und dem populären Holzbau-Trend für Aufsehen – seine Aussagen haben auch für die Baubranche im Landkreis Gifhorn und ganz Deutschland eine immense Sprengkraft.

Ein Weckruf für die Baubranche: Konjunkturflaute und politische Fehlentscheidungen

Während in Teilen Europas ein zarter wirtschaftlicher Aufschwung spürbar ist, bleibt die Lage in der Baubranche angespannt. Haimo Primas widerspricht dem Optimismus vieler Politiker vehement. „Meine Kunden erzählen mir etwas ganz anderes. Dort bleiben die Aufträge immer noch aus“, erklärt er in einem aufsehenerregenden Interview. Diese Einschätzung dürfte vielen Bauunternehmen und Handwerksbetrieben in der Region Gifhorn bekannt vorkommen. Die Kombination aus hoher Inflation, gestiegenen Zinsen und explodierenden Material- und Energiekosten hat zahlreiche Bauprojekte zum Erliegen gebracht oder verteuert.

Primas sieht eine der Ursachen in politischen Maßnahmen, die gut gemeint, aber schlecht gemacht waren. Anstatt die Ursachen der Inflation zu bekämpfen, hätten Regierungen mit Förderungen und Zuschüssen die Preise künstlich hochgehalten und so einen „zusätzlichen Inflationsmotor“ gestartet. Diese Kritik trifft einen wunden Punkt, denn auch in Deutschland wird über die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen staatlicher Hilfspakete intensiv diskutiert. Für die Bauwirtschaft bedeutet dies eine anhaltende Unsicherheit, die Investitionen hemmt und die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum, auch im Landkreis Gifhorn, verlangsamt.

Hintergrund: Der Zement-Riese und der Kampf um eine grüne Zukunft

Um die Brisanz der Aussagen zu verstehen, muss man den Absender kennen. Holcim ist einer der größten Zement- und Betonhersteller der Welt. Die Zementproduktion ist traditionell für einen erheblichen Teil der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Genau aus diesem Grund ist das Bekenntnis des Unternehmens zur Dekarbonisierung so bedeutsam. Primas und Holcim stehen vor der gewaltigen Aufgabe, einen der klimaschädlichsten Industriezweige in eine nachhaltige Zukunft zu führen. Ihr Ansatz ist nicht der Verzicht, sondern die technologische Innovation.

Ein zentraler Baustein dabei ist die Abscheidung und Speicherung von CO2, bekannt als Carbon Capture and Storage (CCS). Dabei wird das bei der Produktion entstehende Kohlendioxid direkt am Schornstein aufgefangen und anschließend in unterirdischen Lagerstätten, etwa alten Gasfeldern, dauerhaft gespeichert. Diese Technologie könnte die Zementherstellung nahezu klimaneutral machen. Der Konflikt entsteht, weil die politische und rechtliche Umsetzung dieser Technologie in vielen Ländern, darunter auch lange Zeit in Deutschland, massiv hinterherhinkt. Die Debatte ist also nicht nur eine Frage des Materials, sondern ein Ringen um den richtigen Weg in die Klimaneutralität, der direkte Auswirkungen auf die Verfügbarkeit und die Kosten von Baustoffen für Projekte von der Nordsee bis in die Südheide hat.

Der Mythos vom Holzbau: Warum einseitige Lösungen zur „Katastrophe“ führen könnten

Den wohl provokantesten Teil seiner Kritik richtet Primas gegen die einseitige Glorifizierung von Holz als alleinigem Heilsbringer für nachhaltiges Bauen. „Wenn wir nur noch mit Holz bauen, wäre das die Katastrophe“, lautet seine unmissverständliche Botschaft. Er wirft der öffentlichen Debatte vor, ideologisch aufgeladen und faktenfern zu sein. Während Beton oft pauschal verurteilt wird, werde Holz unter dem „Deckmantel der Nachhaltigkeit“ verklärt.

Die verborgene CO2-Bilanz von Holz

Primas fordert eine ehrliche und ganzheitliche Betrachtung der Ökobilanz. Er argumentiert, dass die oft zitierte positive CO2-Bilanz von Holz nur die halbe Wahrheit sei. Seine zentralen Kritikpunkte lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Flächenverbrauch und Ernte: Waldbewirtschaftung benötigt enorme Flächen. Um einen Baum für den Bau zu verwenden, müssen laut Primas oft fünf bis sechs weitere Bäume geerntet werden, die nicht im Bauholz landen und deren CO2-Bilanz oft ignoriert wird.
  • Ende des Lebenszyklus: Holz speichert CO2 nur so lange, wie es verbaut ist. Am Ende seiner Lebensdauer wird es häufig verbrannt, wodurch das gespeicherte Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre freigesetzt wird.
  • Verarbeitung und Transport: Auch die Verarbeitung von Holz zu Bauholz, der Transport und die Behandlung mit Chemikalien verbrauchen Energie und Ressourcen.

Er plädiert nicht für ein Verbot von Holz, sondern für eine faktenbasierte Entscheidung je nach Anwendungsfall. Für bestimmte Bereiche sei Holz eine hervorragende Wahl. Doch für die großen Herausforderungen unserer Zeit – Urbanisierung und Verdichtung – sei Massivbauweise mit Beton oft die einzige realistische Lösung. „Man kann nicht mehr in die Fläche, man muss verdichten – tief und hoch bauen“, so Primas. Brücken, Tunnel, Fundamente und Hochhäuser benötigen die Langlebigkeit und Stabilität, die Beton bietet. Diese Notwendigkeit ist auch für die Infrastrukturplanung im ländlichen Raum wie Gifhorn relevant, wo es um die Haltbarkeit von Straßen, Brücken und öffentlichen Gebäuden geht.

Die CO2-Falle: Wenn Gesetze den Fortschritt blockieren

Die Vision von Holcim ist ein klimaneutraler Zement. Technologisch sei man weit fortgeschritten. Ein Werk, das CO2-freien Zement herstellt, würde jedoch eine Investition von 400 bis 500 Millionen Euro erfordern. Doch das Geld allein reicht nicht. Das größte Hindernis sei die Politik. In Österreich ist die unterirdische Speicherung von CO2 gesetzlich verboten. Ohne eine genehmigte Speicherlösung kann kein Förderantrag bei der EU gestellt und keine Anlage gebaut werden.

Dieses Problem ist auch in Deutschland hochaktuell. Nach langem Zögern hat die Bundesregierung kürzlich den Weg für CCS-Projekte geebnet, doch die Umsetzung ist komplex und regional umstritten. Primas' Frustration ist greifbar: „Alle Staaten rund um uns haben das Problem gelöst. Wir nicht.“ Er kritisiert auch die Tendenz in der EU, strenge CO2-Vorgaben aufzuweichen und Gratiszertifikate für die Industrie zu verlängern. Dies sei die „falsche Botschaft“, da es den Anreiz für echte, nachhaltige Innovationen untergrabe und klimafreundlichere, aber anfangs teurere Alternativen unwirtschaftlich mache. Es verschiebe das Problem nur in die Zukunft, anstatt es zu lösen.

Häufige Fragen

Ist Beton wirklich so umweltschädlich wie sein Ruf?

Die Herstellung von herkömmlichem Zement ist extrem CO2-intensiv, was Beton zu einem klimarelevanten Baustoff macht. Die Industrie arbeitet jedoch mit Hochdruck an Lösungen wie der CO2-Abscheidung (CCS), dem Einsatz von Ersatzbrennstoffen und der Entwicklung neuer, emissionsärmerer Zementsorten. Der Vorteil von Beton liegt in seiner extremen Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit, die ihn für Infrastruktur und langlebige Gebäude unverzichtbar machen.

Warum kann man nicht einfach alles aus Holz bauen?

Laut dem Experten Haimo Primas wäre eine alleinige Fokussierung auf Holz ökologisch und praktisch problematisch. Holz hat einen eigenen ökologischen Fußabdruck durch Flächenverbrauch, Ernte und Verarbeitung. Zudem ist es nicht für alle Bauaufgaben geeignet, insbesondere nicht für große Infrastrukturprojekte, Fundamente oder sehr hohe Gebäude. Eine nachhaltige Zukunft erfordert einen intelligenten Materialmix, der auf Fakten und dem jeweiligen Verwendungszweck basiert.

Was bedeutet diese Debatte für das Bauen in Gifhorn?

Für Bauherren, Planer und die Kommunalpolitik im Landkreis Gifhorn bedeutet dies, dass einfache Antworten oft zu kurz greifen. Bei der Planung neuer Wohngebiete, Gewerbeimmobilien oder öffentlicher Infrastruktur muss eine ganzheitliche Bewertung stattfinden. Es geht darum, die langfristigen Kosten, die Haltbarkeit und die tatsächliche Ökobilanz verschiedener Baustoffe gegeneinander abzuwägen, anstatt sich von ideologischen Trends leiten zu lassen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die scharfen Worte von Haimo Primas ein wichtiger und notwendiger Weckruf sind. Sie zwingen uns, die gängigen Narrative über nachhaltiges Bauen kritisch zu hinterfragen. Die Zukunft des Bauens liegt nicht in einem simplen Gegeneinander von Holz und Beton, sondern in technologischer Innovation, politischem Mut und einer ehrlichen, faktenbasierten Diskussion. Für die Baubranche in Gifhorn und ganz Deutschland ist dies die zentrale Herausforderung auf dem Weg zu einer wirklich nachhaltigen und zugleich wirtschaftlich tragfähigen Zukunft.