Was als routinemäßige Vorbereitung für eine beliebte Tradition begann, hat sich in Gifhorn zu einer aufregenden Reise in die Vergangenheit entwickelt. Direkt vor dem Rathaus, wo bald der Maibaum in die Höhe ragen soll, legten Bauarbeiten ein unerwartetes und historisch bedeutsames Relikt frei: einen mittelalterlichen Weg, der jahrhundertelang unter dem Pflaster des Marktplatzes verborgen lag.

Ein Fenster in die Vergangenheit: Was unter dem Marktplatz verborgen lag

Die Arbeiten zur Errichtung eines neuen Fundaments für den Gifhorner Maibaum schienen zunächst reine Formsache für den städtischen Fachbereich Tiefbau zu sein. Doch die Baugrube, mit Maßen von etwa 2,3 mal 2,0 Metern und einer Tiefe von rund 1,5 Metern, entpuppte sich als archäologisches Fenster in die frühe Siedlungsgeschichte der Stadt. An der Ecke zwischen Cardenap und dem heutigen Marktplatz stießen die Arbeiter in einer Tiefe von circa 1,10 Metern auf eine unerwartete Struktur aus Holz und Stein.

Unverzüglich wurden der Kreis- und Stadtarchäologe Dr. Ingo Eichfeld sowie der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Heinz Gabriel hinzugezogen. Ihre Untersuchung bestätigte den außergewöhnlichen Charakter des Fundes: Es handelte sich um die Überreste eines sogenannten Knüppeldamms, einer historischen Form der Straßenbefestigung. Diese Entdeckung liefert wertvolle Puzzleteile zur Rekonstruktion des mittelalterlichen Gifhorns.

Der Aufbau des historischen Weges

Die Konstruktion des Weges zeugt von der pragmatischen Baukunst der damaligen Zeit. Die Archäologen konnten den Aufbau detailliert dokumentieren und rekonstruieren:

  • Fundament: Eine solide Packlage aus faust- bis kindskopfgroßen Feldsteinen bildete die Basis des Weges. Diese Schicht sorgte für Stabilität auf dem oft feuchten Untergrund des alten Gifhorns.
  • Wegoberfläche: Darauf wurden Rundhölzer mit einem Durchmesser von 9 bis 14 Zentimetern dicht aneinandergereiht. Diese Hölzer lagen im rechten Winkel zur Laufrichtung des Weges, um eine möglichst ebene und tragfähige Oberfläche zu schaffen.
  • Breite: Da sich die Enden der Hölzer im Grabungsschnitt überlappten, gehen die Experten davon aus, dass der Knüppeldamm eine beachtliche Breite von mehreren Metern gehabt haben muss, was auf eine wichtige Verkehrsader hindeutet.

Diese Bauweise war typisch für das Mittelalter, um Wege durch sumpfige oder morastige Gebiete passierbar zu machen – eine Situation, die im von den Flüssen Ise und Aller geprägten Gifhorn häufig anzutreffen war.

Hintergrund: Die Bedeutung des Knüppeldamms für das mittelalterliche Gifhorn

Dieser Fund ist weit mehr als nur ein paar alte Hölzer im Boden. Er ist ein physischer Beweis für das Wegenetz, das die Keimzelle der Stadt Gifhorn durchzog. Ein Knüppeldamm war im Mittelalter eine lebenswichtige Infrastrukturmaßnahme. Er ermöglichte es Händlern, Bauern und Bürgern, sich und ihre Waren trockenen Fußes durch die Siedlung zu bewegen. Für eine Stadt wie Gifhorn, die an einem wichtigen Schnittpunkt von Handelswegen lag, war ein funktionierendes Wegenetz von existenzieller Bedeutung für Wohlstand und Wachstum.

Frühere archäologische Beobachtungen hatten bereits Hinweise auf einen solchen Wegverlauf geliefert. Es ist bekannt, dass sich der Damm in Richtung der Cardenapmühle und des Steinwegs fortsetzte, zwei historisch bedeutsame Orte in Gifhorn. Die aktuelle Ausgrabung liefert nun den handfesten Beweis und fügt dem Bild neue Details hinzu. Einige schräg liegende Hölzer im untersuchten Bereich deuten sogar auf einen möglichen Abzweig in Richtung der heutigen St.-Nicolai-Kirche hin. Dies könnte darauf hindeuten, dass der Platz vor dem heutigen Rathaus schon damals ein zentraler Knotenpunkt war.

Leben auf dem Abfall: Archäologische Einblicke in den Alltag um 1500

Besonders aufschlussreich für die Archäologen war eine rund 40 Zentimeter dicke, schwarze Schicht, die sich direkt über den Hölzern des Knüppeldamms befand. Diese Schicht bestand aus dem, was man heute als Siedlungsmüll bezeichnen würde. Darin fanden sich neben weiteren Feldsteinen auch zahlreiche Artefakte des täglichen Lebens:

  • Keramikscherben von Töpfen und Krügen
  • Abgenutzte Hufeisen
  • Tierknochen von Mahlzeiten

Diese Funde sind für die Forschung von unschätzbarem Wert. Sie erlauben eine vorläufige Datierung der Schicht und damit des Nutzungszeitraums des Weges auf die Zeit um das Jahr 1500. Darüber hinaus erzählen sie Geschichten vom Alltag der Menschen. Die Tierknochen geben Aufschluss über die Ernährung, die Scherben über das verwendete Geschirr und die Hufeisen über die Bedeutung von Pferden als Transportmittel. „In gewisser Weise haben sich die Gifhorner auf ihrem Abfall hochgewohnt“, kommentiert Dr. Eichfeld den Befund mit einem Schmunzeln. Was er damit meint, ist ein gängiger Prozess in historischen Siedlungen: Über Jahrhunderte wurde das Bodenniveau durch Müll, Bauschutt und neue Wegeschichten immer weiter angehoben.

Die wissenschaftliche Untersuchung und die Zukunft des Fundortes

Während die Bauarbeiten für das Maibaum-Fundament nach sorgfältiger Dokumentation des Befundes weitergehen, hat die wissenschaftliche Arbeit erst begonnen. Die geborgenen Hölzer sind bereits auf dem Weg in ein Speziallabor. Dort werden sie mittels Dendrochronologie, der Analyse von Jahresringen, untersucht. Diese Methode könnte eine auf das Jahr genaue Datierung der Fällung der Bäume ermöglichen und somit den Bauzeitpunkt des Knüppeldamms präzisieren. „Möglicherweise lassen sich die Hölzer noch genauer datieren“, erklärt Heinz Gabriel hoffnungsvoll.

Der Fundort selbst wird nach Abschluss der Dokumentation wieder verschlossen und das Fundament fertiggestellt. Der historische Weg bleibt also für zukünftige Generationen von Archäologen sicher im Boden verwahrt. Für die Bürgerinnen und Bürger Gifhorns bleibt die faszinierende Gewissheit, dass direkt unter ihren Füßen ein Stück Stadtgeschichte schlummert. Das Rathaus blickt nun mit besonderer Vorfreude auf die Feierlichkeiten Ende April: „So freuen wir uns am 30. April auf ein ganz besonderes Maibaumaufstellen“, heißt es aus der Stadtverwaltung. Es wird eine Veranstaltung sein, die die Gegenwart feiert, aber nun auch eine tiefere Verbindung zur Vergangenheit der Stadt hat.

Häufige Fragen

Was ist ein Knüppeldamm und warum wurde er gebaut?

Ein Knüppeldamm ist eine historische Form des Wegebefestigung, bei der Rundhölzer quer zur Wegrichtung auf einen stabilen Untergrund gelegt werden. Diese Bauweise wurde vor allem im Mittelalter genutzt, um Wege durch feuchte, sumpfige oder moorgeprägte Gebiete dauerhaft passierbar zu machen und das Einsinken von Fuhrwerken oder Tieren zu verhindern.

Bleibt der Fundort jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich?

Nein, der Fundort wird nicht dauerhaft zugänglich bleiben. Nach der umfassenden wissenschaftlichen Dokumentation durch die Archäologen werden die Bauarbeiten für das Maibaum-Fundament abgeschlossen. Der historische Knüppeldamm wird dabei wieder sicher im Erdreich verschlossen und so für die Nachwelt konserviert. Die Funde selbst werden jedoch wissenschaftlich ausgewertet und archiviert.

Was passiert als Nächstes mit den gefundenen Hölzern und Artefakten?

Die gefundenen Hölzer werden in einem Labor dendrochronologisch untersucht, um ihr Alter exakt zu bestimmen. Andere Artefakte wie Keramikscherben oder Hufeisen werden gereinigt, katalogisiert und von Experten analysiert, um weitere Erkenntnisse über das Leben in Gifhorn um 1500 zu gewinnen. Die Funde werden Teil des archäologischen Archivs des Landkreises.

Die zufällige Entdeckung am Gifhorner Marktplatz ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die Vergangenheit direkt unter der Oberfläche unserer modernen Welt weiterlebt. Sie verbindet die heutigen Bewohner mit den Generationen, die vor über 500 Jahren die Grundlagen für die Stadt legten. Wenn am 30. April der Maibaum aufgestellt wird, steht er nicht nur auf einem neuen Fundament, sondern auch auf einem reichen Fundament aus Geschichte.