In einem feierlichen Akt, der Jahrzehnte des Schmerzes und des unermüdlichen Engagements überbrückt, ehrt die Universität Göttingen einen Mann, dessen Leben ein Mahnmal ist: Leon Weintraub. Mit 99 Jahren nimmt der Überlebende der Schoah die Ehrendoktorwürde entgegen – eine späte Anerkennung für ein Leben, das dem Heilen, dem Erinnern und der Warnung vor dem Wiedererstarken des Hasses gewidmet ist.
Ein Leben, das in Göttingen eine neue Wendung nahm
Für Leon Weintraub ist Göttingen mehr als nur eine Stadt in Niedersachsen; es ist der Ort, an dem sein zweites Leben begann. Nachdem er die Hölle mehrerer Konzentrationslager überlebt hatte, erhielt er 1946 von der britischen Militärregierung einen der begehrten Studienplätze für „Displaced Persons“. Hier, im Land der Täter, fasste er den Entschluss, Arzt zu werden. Das Medizinstudium war für ihn nicht nur ein beruflicher Weg, sondern ein Akt der Selbstbehauptung und ein stiller Triumph. „Mich haben Sie nicht umgebracht. Ich habe sie besiegt. Ich lebe“, fasste er dieses Gefühl Jahrzehnte später zusammen. Es war die Genugtuung, den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten überlebt zu haben und nun ein Leben aufzubauen, das dem Heilen gewidmet war.
Eine besondere Erinnerung an diese Zeit ist ein Violinkonzert von Beethoven, das er oft auf seinem ersten Plattenspieler hörte. Diese Musik symbolisierte für ihn die wiedererlangte Lebensfreude und den Beginn einer Zukunft, die ihm beinahe geraubt worden wäre. Trotz der unvorstellbaren Traumata und der sprachlichen Hürden – Deutsch brachte er sich nach der Befreiung selbst bei – meisterte er sein Abitur und die ersten Semesterprüfungen mit Bravour. In Göttingen lernte er auch seine erste Frau, Katja Hof, kennen und gründete eine Familie, ein weiteres Zeichen für den unbändigen Willen, nach dem Grauen wieder Normalität und Glück zu finden.
Hintergrund: Von der Hölle der Lager zurück ins Leben
Um die Bedeutung der Ehrung in Göttingen vollständig zu verstehen, muss man auf das Leben von Leon Weintraub blicken, das von den dunkelsten Kapiteln des 20. Jahrhunderts gezeichnet ist. Sein Weg ist ein Zeugnis menschlicher Widerstandsfähigkeit angesichts unvorstellbarer Brutalität.
Kindheit in Łódź und der Beginn des Terrors
Geboren am 1. Januar 1926 im polnischen Łódź, wuchs Leon Weintraub in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater verstarb früh, und seine Mutter zog ihn und seine vier älteren Schwestern allein auf, indem sie eine kleine Wäscherei betrieb. Trotz der Armut beschreibt er seine Kindheit als von familiärer Wärme geprägt. Der 1. September 1939 sollte sein erster Tag am Gymnasium sein, ein Stipendium hatte er sich durch herausragende Leistungen verdient. Doch an diesem Tag marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Anstelle von Bildung begann für den 13-Jährigen ein jahrelanges Martyrium.
Überleben im Ghetto und in Auschwitz-Birkenau
Im Februar 1940 wurde seine Familie zusammen mit rund 160.000 anderen Juden in das Ghetto Litzmannstadt gepfercht. Die Erinnerungen an diese Zeit sind geprägt von Hoffnungslosigkeit, Zwangsarbeit und vor allem einem alles beherrschenden Hunger. Über einen Zeitraum von fünf Jahren, sieben Monaten und drei Wochen, so erinnert er sich, gab es nur einen einzigen Tag, an dem er das Gefühl hatte, satt zu sein. Der quälende Hunger raubte ihm den Schlaf und beherrschte jeden Gedanken.
Im Sommer 1944 wurde das Ghetto aufgelöst und Leon Weintraub nach Auschwitz-Birkenau deportiert. An die Fahrt im Viehwaggon, die Stille der verängstigten Menschen und den Gestank erinnert er sich bis heute. An der berüchtigten „Rampe“ sah er seine Mutter zum letzten Mal. Der damals 18-Jährige wurde von ihr getrennt und sie wurde direkt in die Gaskammer geschickt. Weintraub beschreibt den Geruch von verbranntem Fleisch, der über dem Lager lag, und die schreckliche Erkenntnis, an einem Ort der industriellen Vernichtung angekommen zu sein.
Sein eigenes Überleben verdankt er einem Moment geistesgegenwärtiger Entschlossenheit. Als er bereits in einem Block für die Vergasung eingeteilt war, sah er eine Gruppe nackter Häftlinge, die für einen Arbeitseinsatz im KZ Groß-Rosen vorgesehen waren. Ohne zu zögern, schloss er sich ihnen an und entkam so dem sicheren Tod. Das letzte Bild, das ihm von Auschwitz blieb, war der Leichnam einer Frau, die sich am stromführenden Zaun das Leben genommen hatte.
Befreiung und ein neuer Anfang
Die Tortur war damit nicht vorbei. Es folgten weitere Monate unvorstellbaren Leids in den Konzentrationslagern Groß-Rosen, Flossenbürg und Natzweiler-Struthof, geprägt von Zwangsarbeit, Folter und dem Anblick öffentlicher Hinrichtungen. Bei seiner Befreiung im April 1945 war der 19-Jährige an Typhus erkrankt und wog nur noch 35 Kilogramm. Das Gefühl wirklicher Freiheit, so sagt er, stellte sich erst ein, als er durch einen Zufall im Lager Bergen-Belsen seine überlebenden Schwestern wiederfand. Von den einst 80 Mitgliedern seiner Großfamilie hatten nur 16 die Schoah überlebt.
Eine Mission für die Menschlichkeit und Versöhnung
Nach seinem Studium in Göttingen kehrte Leon Weintraub 1950 nach Polen zurück, promovierte und arbeitete als Gynäkologe. Doch der wachsende Antisemitismus zwang ihn 1969 zur Auswanderung nach Schweden, wo er seine ärztliche Tätigkeit fortsetzte. Seit den 1990er-Jahren widmet er sein Leben, gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Evamaria Loose-Weintraub, der Aufklärungsarbeit. Er reist unermüdlich durch Europa, um als Zeitzeuge vor allem mit jungen Menschen zu sprechen.
Seine Botschaft ist dabei klar und differenziert. Er hat die Worte „Hass“ und „Rache“ aus seinem Vokabular gestrichen. Vergeben könne er den Mördern seiner Mutter nicht, aber er sucht die Versöhnung für die Zukunft. Ein ewiger Kreislauf aus Anklagen sei für ihn unerträglich. Seine Arbeit versteht er als Verpflichtung gegenüber den Millionen unschuldiger Opfer. Ihre Erinnerung verblassen zu lassen, käme einer zweiten Ermordung gleich.
Seine Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz und die Paracelsus-Medaille, zeugen von der Anerkennung für sein Engagement. Die Ehrendoktorwürde der Universitätsmedizin Göttingen würdigt nun „seine unerschütterliche Haltung gegenüber Leid und Ungerechtigkeit, sein medizinisches Wirken sowie sein lebenslanges Engagement für Toleranz und Menschenrechte“.
- Unermüdlicher Mahner: Weintraub warnt eindringlich vor den Gefahren des Rechtsextremismus. „Bitte nehmt die Worte der Rechtsradikalen ernst“, appellierte er im niedersächsischen Landtag.
- Wissenschaftler und Humanist: Als Arzt betont er stets, dass die Rassenideologie der Nazis jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.
- Botschafter der Zukunft: Seine Gespräche mit Schülern und Studenten sieht er als eine Art „Impfung“, die junge Menschen widerstandsfähig gegen radikale Ideologien machen soll.
Auch in seinem bald 100. Lebensjahr bleibt Leon Weintraub eine kraftvolle Stimme der Vernunft und Menschlichkeit. Seine Ehrung in Göttingen ist nicht nur eine Würdigung seiner Person, sondern auch ein starkes Signal in einer Zeit, in der Antisemitismus und Rassismus wieder zunehmen.
Häufige Fragen
Warum wird Leon Weintraub von der Universität Göttingen geehrt?
Die Universitätsmedizin Göttingen würdigt mit der Ehrendoktorwürde sein medizinisches Wirken, seine unerschütterliche Haltung gegenüber Leid und Ungerechtigkeit sowie sein lebenslanges Engagement für Toleranz, Versöhnung und Menschenrechte.
Was ist die zentrale Botschaft von Leon Weintraub an die heutige Generation?
Weintraub mahnt unermüdlich, aus der Geschichte zu lernen und wachsam zu bleiben. Er ruft insbesondere junge Menschen dazu auf, sich aktiv gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und jede Form von Hass zu stellen, um eine Wiederholung der Gräueltaten der Vergangenheit zu verhindern.
Wie hat Leon Weintraub den Holocaust überlebt?
Sein Überleben war eine Kette aus Zufällen, Geistesgegenwart und unvorstellbarem Leid. Er überlebte das Ghetto Litzmannstadt und entkam in Auschwitz-Birkenau nur knapp der Vergasung, indem er sich spontan einem Arbeitstransport anschloss. Anschließend durchlitt er weitere Konzentrationslager bis zu seiner Befreiung im April 1945.
Die Verleihung der Ehrendoktorwürde und des Göttinger Friedenspreises an Leon Weintraub sind mehr als nur symbolische Akte. Sie sind eine Verbeugung vor einem Mann, der das Unaussprechliche überlebt und sein Leben der Aufgabe gewidmet hat, die Menschheit vor sich selbst zu warnen. Seine Geschichte ist ein Vermächtnis, das gerade für die Menschen in Niedersachsen und im Landkreis Gifhorn eine bleibende Verpflichtung darstellt: wachsam zu bleiben und für eine offene, tolerante Gesellschaft einzutreten.

