Ein nicht enden wollender Strom schlechter Nachrichten, politische Polarisierung und das Gefühl, dass die Probleme übermächtig werden – viele Menschen im Landkreis Gifhorn und in ganz Deutschland fühlen sich zunehmend ohnmächtig. Diese Resignation ist jedoch nicht nur verständlich, sondern auch gefährlich, denn sie spielt antidemokratischen Kräften in die Hände. Der Soziologe Matthias Quent zeigt in einer neuen Analyse, wie wir diese Lähmung durchbrechen können, und seine Erkenntnisse sind gerade für unsere ländliche Region von entscheidender Bedeutung.
Hintergrund
Die aktuelle gesellschaftliche Lage ist von einer Verdichtung von Krisen geprägt: Klimawandel, Kriege, Inflation und eine spürbare politische Zerrissenheit belasten den Alltag. Gleichzeitig gewinnen rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien an Zuspruch, indem sie einfache Antworten auf komplexe Fragen anbieten und gezielt Ängste schüren. Diese Entwicklungen führen bei vielen Bürgern zu einem Gefühl der Fremdbestimmung und des Kontrollverlusts. Man fragt sich: „Was kann ich als Einzelner schon tun?“ Diese Frage ist der Nährboden für politischen Rückzug und Resignation. Genau hier setzt die Analyse von Matthias Quent an. Er untersucht nicht nur die Ursachen dieser Ohnmacht, sondern zeigt auch konkrete Wege auf, wie demokratische Gesellschaften ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen können – und zwar von unten nach oben.
Die Psychologie der Krise: Kampf, Flucht oder Ohnmacht?
Um die Reaktionen der Menschen auf die aktuelle Belastungssituation zu verstehen, greift Quent auf Konzepte aus der Stress- und Traumaforschung zurück. Er identifiziert verschiedene Bewältigungsmuster, die erklären, warum die Gesellschaft so gespalten wirkt und warum manche Gruppen für antidemokratische Botschaften besonders empfänglich sind.
Die vier Reaktionsmuster auf Bedrohungen
Laut Quent lassen sich die gesellschaftlichen Reaktionen auf die Krisen in vier Hauptkategorien einteilen, die an die Überlebensstrategien von Säugetieren erinnern:
- Kampf: Eine relativ kleine, aber sehr aktive Gruppe, die sich politisch engagiert, diskutiert und handelt. Ein großer Teil davon ist klar prodemokratisch, doch hier findet sich auch eine kleine, aber gefährliche faschistisch orientierte Gruppe von etwa 3,5 Prozent, von denen die Hälfte als gewaltbereit gilt.
- Flucht: Menschen, die sich aus dem politischen Diskurs zurückziehen und versuchen, die negativen Nachrichten zu meiden.
- Einfrieren (Ohnmacht): Dies ist eine der größten Gruppen. Diese Menschen sind emotional stark aktiviert und besorgt, haben aber das Gefühl, nichts bewirken zu können. Sie sagen: „Ich kann ja sowieso nichts machen.“
- Anpassung: Eine kleine, aber laut Quent problematischste Gruppe. Diese Menschen neigen zu autoritären Orientierungen, schotten sich in ihrem Mikrokosmos ab und zeigen das geringste politische Engagement. Sie passen sich den vermeintlich neuen Machtverhältnissen an.
Die größte Chance: Die emotional aktivierten Ohnmächtigen
Die größte Aufmerksamkeit widmet Quent der Gruppe der Ohnmächtigen. Hier schlummert das größte Potenzial für eine demokratische Erneuerung. Diese Menschen sind nicht gleichgültig, sondern emotional betroffen, fühlen sich aber handlungsunfähig. Oftmals handelt es sich um Personen mit niedrigerem Bildungsniveau, geringerem Einkommen und größerer sozialer Einsamkeit. Sie fühlen sich von den ständigen Aktivierungsappellen der „Kämpfer“ überfordert und unverstanden. Die Wahrnehmung von Fremdbestimmung macht sie anfällig für autoritäre Bewegungen, die versprechen, ihnen das Schicksal aus der Hand zu nehmen. Genau hier liegt der Hebel: Wenn es gelingt, dieser großen Gruppe Wege zur Selbstwirksamkeit aufzuzeigen, kann die Demokratie entscheidend gestärkt werden.
Vom Wissen zum Handeln: Die Kraft der lokalen Gemeinschaft
Quents zentrale These ist, dass der Ausweg aus der Ohnmacht nicht in großen, abstrakten politischen Debatten liegt, sondern im konkreten Handeln vor Ort. Er argumentiert, dass wirksamer Widerstand und gesellschaftlicher Fortschritt fast immer im Kleinen, in der lokalen Gemeinschaft, beginnen.
Eine Chance für den Landkreis Gifhorn
Diese Erkenntnis ist eine Steilvorlage für unsere Region. Während sich politisches Engagement und finanzielle Mittel oft auf Metropolen wie Berlin oder Hamburg konzentrieren, geht der Rückhalt für die Demokratie vor allem in ländlichen Gebieten verloren. Quent betont, dass Investitionen in kleinen Gemeinden einen weitaus größeren Unterschied machen können. Was bedeutet das für uns im Landkreis Gifhorn? Es bedeutet, dass das Engagement im Schützenverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportklub oder in einer lokalen Bürgerinitiative nicht nur dem Gemeinwohl dient, sondern zutiefst politisch ist. Es sind genau diese Orte, an denen Gemeinschaft entsteht, Einsamkeit überwunden und Selbstwirksamkeit erfahren wird. Wenn Menschen in Meinersen, Wittingen oder Isenbüttel erleben, dass sie gemeinsam etwas gestalten können – sei es ein Dorffest, ein neues Spielplatzgerät oder die Unterstützung für geflüchtete Familien –, überwinden sie das Gefühl der Ohnmacht. Sie werden von passiven Zuschauern zu aktiven Gestaltern ihres Umfelds.
Die Lehren aus den USA
Quent untermauert seine These mit Beobachtungen aus den USA. Dort hat er nach der Wahl von Donald Trump erlebt, wie insbesondere die Schwarze Bürgerrechtsbewegung ihren Widerstand organisierte. Ihre Haltung, so Quent, war oft: „Von der Bundesregierung haben wir ohnehin nie viel erwartet. Alle Fortschritte, die wir erzielen, finden hier bei uns vor Ort statt.“ Dieser Fokus auf die „Community“ und die lokale Organisierung hat sich als extrem widerstandsfähig und erfolgreich erwiesen. Dieses Modell kann auch für uns in Deutschland ein Vorbild sein: Weniger auf die große Politik in Berlin schielen und mehr darauf achten, was wir hier in unserem Landkreis bewegen können.
Strategien gegen die Resignation
Um die große Gruppe der Resignierten zu erreichen, braucht es neue Ansätze. Es geht nicht darum, noch lauter zum Protest aufzurufen, sondern darum, niedrigschwellige Angebote zu schaffen, die auf positive Erfahrungen und Gemeinschaft setzen.
Die eigene Blase hinterfragen
Die bereits Engagierten – die „Kämpfer“ – müssen sich laut Quent kritisch fragen, ob ihre Methoden wirklich effektiv sind. Erreichen sie mit ihrer oft akademischen Sprache und ihren hohen moralischen Ansprüchen auch die Menschen außerhalb ihrer eigenen Blase? Oder verläuft ihr Engagement in einer „Geschäftigkeit“, die vor allem das eigene Gefühl der Ohnmacht verdrängen soll? Die Lösung liegt darin, einfacher zu kommunizieren, gezielter auf Menschen zuzugehen und Räume zu schaffen, in denen sich jeder einbringen kann, ohne gleich die Welt retten zu müssen.
Hoffnung durch Handeln
Letztlich geht es nicht um einen naiven Optimismus, sondern um eine Haltung der Zuversicht, die aus dem eigenen Handeln erwächst. Der Philosoph Ernst Bloch formulierte es so: „Hoffnung kommt durchs Handeln.“ Jeder kleine Schritt, jedes erfolgreiche lokale Projekt, jede neu geknüpfte Nachbarschaftsbeziehung ist ein Baustein gegen die Ohnmacht und für eine lebendige Demokratie. Es geht darum, neue Möglichkeitsräume zu schaffen und zu erkennen, dass die Welt gestaltbar ist – nicht im Großen von heute auf morgen, aber im Kleinen, Schritt für Schritt.
Häufige Fragen
Was sind die Hauptreaktionen auf gesellschaftliche Krisen laut Matthias Quent?
Matthias Quent beschreibt vier zentrale Reaktionsmuster, die an Überlebensstrategien angelehnt sind: Kampf (aktives Engagement), Flucht (Rückzug), Einfrieren (Gefühl der Ohnmacht trotz emotionaler Betroffenheit) und Anpassung (Unterordnung unter autoritäre Tendenzen).
Warum ist lokales Engagement so wichtig, um die Demokratie zu stärken?
Lokales Engagement ist entscheidend, weil es Menschen aus der passiven Ohnmacht holt und ihnen konkrete Erfahrungen der Selbstwirksamkeit ermöglicht. Es schafft Gemeinschaft, überwindet soziale Isolation und zeigt, dass man im eigenen Umfeld einen Unterschied machen kann. Dies stärkt das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und damit die demokratische Kultur von Grund auf.
Bin ich naiv, wenn ich trotz der vielen Probleme optimistisch bleibe?
Nein. Quent unterscheidet zwischen einem naiven Optimismus, der die Gefahren ignoriert, und einer aktiven Hoffnung oder Zuversicht. Diese Zuversicht basiert nicht auf Wunschdenken, sondern entsteht durch konkretes Handeln. Indem man handelt, schafft man neue Möglichkeiten und beweist sich selbst und anderen, dass Veränderung möglich ist.
Die Analyse von Matthias Quent ist ein Weckruf und eine Ermutigung zugleich. Sie zeigt, dass das Gefühl der Ohnmacht zwar real, aber kein unabwendbares Schicksal ist. Die Antwort auf die großen Krisen unserer Zeit liegt nicht in der Ferne, sondern direkt vor unserer Haustür. Indem wir die lokalen Gemeinschaften im Landkreis Gifhorn stärken, uns vor Ort einbringen und niedrigschwellige Angebote für Beteiligung schaffen, bekämpfen wir nicht nur die Resignation, sondern bauen aktiv an einer widerstandsfähigen und lebendigen Demokratie für die Zukunft.

