Stellen Sie sich einen Autoreifen vor, dessen Zutatenliste eher an ein Gourmet-Rezept erinnert als an High-Tech-Produktion. Was wie Science-Fiction klingt, ist bei Continental, einem der bedeutendsten Arbeitgeber in der Region Hannover und mit einem großen Werk auch in Gifhorn, bereits Realität: Ein Reifen, der aus Reishülsen, alten Plastikflaschen und bald sogar Löwenzahn besteht – und dabei in Sachen Sicherheit und Effizienz Rekorde bricht. Diese Entwicklung ist mehr als nur eine grüne Marketing-Kampagne; sie ist ein fundamentaler Wandel, der die Zukunft des Fahrens prägen wird.

Der High-Tech-Reifen aus der Speisekammer: Was steckt im UltraContact NXT?

Das Vorzeigeprodukt dieser neuen Ära ist der UltraContact NXT, ein Sommerreifen, der seit 2023 auf dem Markt ist. Er verkörpert die Vision des Unternehmens, zum „progressivsten Reifenhersteller der Welt“ zu werden. Bis zu 65 Prozent der für diesen Reifen verwendeten Materialien stammen aus nachwachsenden, recycelten oder durch Massenbilanz zertifizierten Quellen. Das beeindruckendste daran: Diese Nachhaltigkeit geht nicht auf Kosten der Leistung. Im Gegenteil. Der Reifen erzielt in allen 19 verfügbaren Größen die begehrte dreifache A-Bewertung im EU-Reifenlabel für Rollwiderstand, Nassbremsen und Außengeräusch. Im Test von „auto motor und sport“ (Ausgabe 07/25) wurde er mit dem Prädikat „überragend“ zum Testsieger gekürt, unter anderem wegen der kürzesten Bremswege auf nasser Fahrbahn. Doch welche ungewöhnlichen Komponenten ermöglichen diese Spitzenleistung?

Silica aus Reishülsen: Vom Abfall zum Hochleistungsstoff

Einer der wichtigsten Füllstoffe in modernen Reifen ist Kieselsäure, auch Silica genannt. Sie sorgt für exzellenten Grip und einen geringen Rollwiderstand, was den Kraftstoffverbrauch senkt. Traditionell wird Silica aus Quarzsand gewonnen. Continental beschreitet hier einen innovativen Weg über die Reisfelder Italiens. Die Hülsen von Risottoreis, ein landwirtschaftliches Abfallprodukt, werden verbrannt. Aus der dabei entstehenden Asche lässt sich hochwertiges Silica extrahieren, das in seiner Qualität dem konventionell hergestellten in nichts nachsteht. Dieses Verfahren ist nicht nur energieeffizienter, sondern wertet auch ein Abfallprodukt zu einem entscheidenden Rohstoff für die Reifensicherheit auf.

ContiRe.Tex: PET-Flaschen für mehr Stabilität

Die Karkasse, das tragende Gerüst eines Reifens, besteht aus Verstärkungsmaterialien wie Stahl und Textilfasern. Auch hier setzt Continental auf Nachhaltigkeit. Mit der ContiRe.Tex-Technologie wird aus gebrauchten PET-Flaschen ein hochfestes Polyestergarn hergestellt. In einem speziellen mechanischen Verfahren, das ohne chemische Zwischenschritte auskommt, werden die Flaschen zu einem robusten Textilkord verarbeitet. In einem einzigen Pkw-Reifen können so bis zu 15 recycelte PET-Flaschen ein neues Leben finden. Dieses Verfahren reduziert die CO₂-Emissionen im Vergleich zur Herstellung von herkömmlichem Polyestergarn um rund 28 Prozent. Continental stellt dabei sicher, dass die Flaschen aus Regionen ohne etablierte Recyclingsysteme stammen, um bestehende Kreisläufe nicht zu stören.

Recycelter Ruß und biobasierte Harze

Ruß ist für die schwarze Farbe und vor allem für die Festigkeit und Langlebigkeit des Gummis unerlässlich und macht bis zu 20 Prozent des Reifengewichts aus. Statt ausschließlich auf Ruß aus Erdöl zu setzen, nutzt Continental alternative Quellen. Dazu gehören biobasierter Ruß aus Tallöl, einem Nebenprodukt der Papierindustrie, sowie recycelter Ruß, der durch Pyrolyse aus Altreifen gewonnen wird. In Zusammenarbeit mit Spezialisten wie Pyrum Innovations wird dieser Prozess stetig optimiert, um einen geschlossenen Materialkreislauf zu schaffen. Ergänzt wird die Gummimischung durch weitere nachhaltige Zutaten wie Synthesekautschuk aus altem Speiseöl und Harze aus biobasierten Abfallstoffen der Holz- und Papierindustrie.

Hintergrund: Continentals strategische Neuausrichtung auf Nachhaltigkeit

Diese Innovationen sind kein Zufall, sondern Teil einer tiefgreifenden Transformation des Konzerns. Continental befindet sich in der größten Umstrukturierung seiner über 150-jährigen Geschichte. Nach der Abspaltung der Automotive-Sparte (jetzt „Aumovio“) und dem geplanten Verkauf der Industriesparte ContiTech konzentriert sich das Unternehmen vollständig auf das Reifengeschäft. Unter der Führung von Christian Kötz soll sich Continental als Technologieführer im Bereich nachhaltiger Reifen positionieren. Die Ziele sind ambitioniert: Bis 2030 soll der Anteil nachhaltiger Materialien in den Produkten auf mindestens 40 Prozent ansteigen. Bis 2050 strebt das Unternehmen eine Produktion an, die zu 100 Prozent auf nachhaltigen Materialien basiert.

Diese Strategie ist auch eine Antwort auf die Marktsituation. Mit einem globalen Marktanteil von 6,9 Prozent liegt Continental hinter den Branchenriesen Michelin (14,1 %), Bridgestone (13,6 %) und Goodyear (9,6 %). Statt auf reines Volumenwachstum setzt das Unternehmen auf Profitabilität und technologische Differenzierung. Mit einer bereinigten EBIT-Marge von 13,7 Prozent im Jahr 2024 gehört die Reifensparte zu den profitabelsten der Branche. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung, allein 349 Millionen Euro im Jahr 2024, fließen nun gebündelt in die Reifentechnologie und stärken die Innovationskraft des Unternehmens.

Taraxagum: Die Löwenzahn-Revolution aus Deutschland

Die vielleicht faszinierendste Zukunftsinitiative von Continental heißt Taraxagum. Seit 2011 forscht das Unternehmen gemeinsam mit renommierten Instituten wie dem Fraunhofer-Institut an der Gewinnung von Naturkautschuk aus russischem Löwenzahn. Diese spezielle Löwenzahnart produziert in ihren Wurzeln einen hochwertigen Kautschuk, der dem des tropischen Kautschukbaums ebenbürtig ist. Der entscheidende Vorteil: Er kann in gemäßigten Klimazonen, also auch in Deutschland, angebaut werden. Dies würde die Abhängigkeit von den oft volatilen Weltmärkten und langen Transportwegen reduzieren.

Im mecklenburg-vorpommerischen Anklam hat Continental für rund 35 Millionen Euro ein hochmodernes Forschungslabor errichtet, um den Anbau und die Verarbeitung zu industrialisieren. Ein erstes Serienprodukt, der Fahrradreifen „Urban Taraxagum“, wird bereits erfolgreich produziert. Der Sprung zur Serienproduktion von Pkw-Reifen aus Löwenzahn-Kautschuk ist der nächste große Schritt. Gelingt dies, wäre es eine echte Revolution für die gesamte Branche und ein Meilenstein für eine nachhaltige, regionale Rohstoffversorgung.

Vom Labor auf die Straße: Forschung und Tests sichern die Qualität

Um sicherzustellen, dass innovative Materialien auch den höchsten Sicherheitsanforderungen genügen, betreibt Continental einen enormen Forschungs- und Entwicklungsaufwand. Im Technologiezentrum in Hannover-Stöcken arbeiten rund 1.000 Ingenieure und Forscher an der Zukunft des Reifens. Weltweit werden jährlich 25 Millionen Testkilometer zurückgelegt. Auf dem legendären Testgelände Contidrom bei Wietze werden Reifen unter härtesten Bedingungen geprüft. Eine vollautomatisierte Indoor-Bremsanlage ermöglicht wetterunabhängige Tests mit höchster Präzision. Zudem wird durch den Einsatz modernster Simulatoren der Bedarf an physischen Testreifen und Testkilometern erheblich reduziert, was ebenfalls zur Nachhaltigkeit beiträgt. Die lückenlose Rückverfolgbarkeit der nachhaltigen Rohstoffe wird durch die unabhängige ISCC-PLUS-Zertifizierung sichergestellt, die mittlerweile alle europäischen Werke von Continental erhalten haben.

Häufige Fragen

Ist ein nachhaltiger Reifen wirklich genauso sicher wie ein herkömmlicher?

Ja, absolut. Sicherheit hat oberste Priorität. Der Continental UltraContact NXT beweist eindrucksvoll, dass Nachhaltigkeit und Spitzenleistung Hand in Hand gehen. Er erreicht nicht nur die Bestnote „A“ für das Nassbremsen im EU-Reifenlabel, sondern wurde auch von unabhängigen Testern für seine herausragenden Sicherheitseigenschaften ausgezeichnet. Die innovativen Materialien werden erst nach intensiven Tests für die Serienproduktion freigegeben.

Wann werden diese Reifen für alle Autofahrer im Landkreis Gifhorn verfügbar sein?

Der UltraContact NXT ist bereits in 19 gängigen Größen im Handel erhältlich und passt auf viele gängige Fahrzeugmodelle, von Kompaktwagen bis zu SUVs. Die Verfügbarkeit wird kontinuierlich ausgebaut. Andere Modelle mit einem hohen Anteil an nachhaltigen Materialien werden in den kommenden Jahren folgen, da Continental das Ziel verfolgt, diese Technologien schrittweise in seiner gesamten Produktpalette zu etablieren.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf den Continental-Standort in Gifhorn aus?

Der Continental-Standort in Gifhorn ist ein integraler Bestandteil des globalen Produktions- und Entwicklungsnetzwerks des Konzerns, spezialisiert auf Komponenten für Bremssysteme und Fahrwerkregelsysteme. Während die Reifenentwicklung primär in Hannover-Stöcken stattfindet, profitiert der gesamte Konzern von einer starken Innovations- und Zukunftsstrategie. Die Fokussierung auf nachhaltige High-Tech-Produkte sichert die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und damit langfristig auch die Arbeitsplätze in der gesamten Region, einschließlich des wichtigen Standorts Gifhorn.

Die Transformation des Autoreifens von einem erdölbasierten Produkt hin zu einem nachhaltigen High-Tech-Erzeugnis ist in vollem Gange. Continental zeigt eindrucksvoll, dass ökologische Verantwortung und technologische Führerschaft keine Gegensätze sind. Für Autofahrer im Landkreis Gifhorn und darüber hinaus bedeutet dies, dass sie in Zukunft nicht nur sicherer, sondern auch mit einem deutlich besseren Gewissen unterwegs sein können – auf Reifen, deren Zutaten aus der Natur und der Kreislaufwirtschaft stammen.