Ein Spaziergang durch die Südheide oder die Arbeit im eigenen Garten gehört für viele im Landkreis Gifhorn zur willkommenen Erholung. Doch in diesem Jahr lauert eine unsichtbare Gefahr, die Experten zunehmend Sorgen bereitet: Zecken sind aktiver und verbreiteter als je zuvor, und mit ihnen steigt das Risiko schwerwiegender Erkrankungen auf ein alarmierendes Niveau.
Experten schlagen Alarm: FSME-Fälle erreichen neuen Höchststand
Deutschlandweit warnen führende Wissenschaftler vor einem neuen Rekordjahr bei den durch Zecken übertragenen Hirnhautentzündungen. Die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, hat eine besorgniserregende Verbreitung erreicht. Gerhard Dobler, Leiter des nationalen Konsiliarlabors für FSME, deutet an, dass die bereits sehr hohen Fallzahlen des Vorjahres wahrscheinlich übertroffen werden. Die Auswertungen für das vergangene Jahr deuten auf eine dramatische Zunahme hin.
Die Zahlen untermauern diese Warnung eindrücklich. Während im Jahr 2020 mit 704 gemeldeten Fällen der bisherige Höchstwert erreicht wurde, zeichnet sich für die jüngste Saison ein ähnlich düsteres Bild ab. Aktuelle Daten zeigen bereits Hunderte gesicherte FSME-Fälle, zu denen noch zahlreiche Verdachtsfälle hinzukommen, die derzeit überprüft werden. Die Parasitologin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim bekräftigt diese Einschätzung und warnt vor einer anhaltend hohen Bedrohungslage. Die Zeit der Entwarnung scheint endgültig vorbei zu sein.
Hintergrund: Die Ursachen für die wachsende Zeckengefahr
Die steigende Zahl von Infektionen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Faktoren. Das Verständnis dieser Ursachen ist entscheidend, um die aktuelle Situation und die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen zu begreifen.
Der Klimawandel als entscheidender Treiber
Eine der Hauptursachen für die zunehmende Aktivität und Verbreitung von Zecken ist der Klimawandel. Die Winter werden milder, und lange Perioden mit starkem Frost, die die Zeckenpopulationen in der Vergangenheit natürlich reguliert haben, werden immer seltener. „Zecken ziehen sich nicht mehr in eine Winterpause zurück, da die Temperaturen zu mild sind", erklärt Expertin Mackenstedt. Dies führt dazu, dass die Spinnentiere fast ganzjährig aktiv sind. Eine Folge davon ist, dass es bereits im zeitigen Frühjahr zu einer ersten Welle von FSME-Meldungen kommt, wo früher die Gefahr erst im späten Frühling begann.
Ausbreitung in bisher sichere Gebiete
Früher galt FSME als ein Problem, das sich hauptsächlich auf Süddeutschland konzentrierte. Regionen wie Bayern und Baden-Württemberg sind nach wie vor die Hotspots und verzeichnen rund 85 Prozent aller Krankheitsfälle. Doch die Zecken und die von ihnen übertragenen Viren erobern stetig neue Lebensräume. Sie sind mittlerweile auch in kühleren Bergregionen und im gesamten Bundesgebiet zu finden. „Wir müssen davon ausgehen, dass ganz Deutschland inzwischen ein FSME-Risikogebiet ist", so die klare Warnung von Ute Mackenstedt. Diese Entwicklung bedeutet, dass auch die Bewohner im Landkreis Gifhorn wachsam sein müssen.
Ein gefährlicher Trend ohne Schwankungen
Besonders alarmierend ist für die Forscher die Beobachtung, dass der frühere Zyklus von Jahren mit hohen Fallzahlen, gefolgt von ein bis zwei ruhigeren Jahren, durchbrochen wurde. Seit etwa 2016 verzeichnet Deutschland durchgehend hohe Fallzahlen von 400 bis 500 Krankheitsmeldungen pro Jahr. Diese dauerhaft hohe Grundlast an Infektionen erhöht das statistische Risiko für jeden Einzelnen, der sich in der Natur aufhält.
Was die Entwicklung für den Landkreis Gifhorn bedeutet
Auch wenn der Landkreis Gifhorn vom Robert Koch-Institut (RKI) noch nicht als offizielles FSME-Risikogebiet ausgewiesen ist, darf dies nicht zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen. Die Experten sind sich einig, dass die Gefahr landesweit zunimmt. Die weitläufigen Waldgebiete, der Naturpark Südheide oder die Uferbereiche von Ise und Aller bieten ideale Lebensbedingungen für Zecken. Jeder, der hier unterwegs ist – sei es beim Wandern, Radfahren, bei der Gartenarbeit oder beim Spielen mit den Kindern – ist einem potenziellen Risiko ausgesetzt.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen zwei Krankheiten:
- FSME: Eine Viruserkrankung, die schwere neurologische Verläufe nehmen kann und gegen die eine Impfung schützt.
- Lyme-Borreliose: Eine bakterielle Infektion, die weitaus häufiger ist und in ganz Deutschland vorkommt. Gegen sie gibt es keine Impfung, aber sie kann mit Antibiotika behandelt werden, wenn sie frühzeitig erkannt wird.
Die Gefahr einer Borreliose-Infektion ist im Landkreis Gifhorn also seit jeher präsent. Die neue, wachsende Bedrohung durch FSME kommt nun hinzu und erfordert ein gesteigertes Bewusstsein und angepasste Vorsichtsmaßnahmen.
Wirksamer Schutz: So minimieren Sie das Risiko nach einem Zeckenstich
Angesichts der steigenden Gefahr ist Prävention der Schlüssel. Glücklicherweise kann jeder Einzelne durch einfache Verhaltensregeln sein persönliches Risiko erheblich senken.
Der wichtigste Schutz: Die FSME-Impfung
Der wirksamste Schutz gegen eine schwere FSME-Erkrankung ist die Impfung. Laut RKI sind erschreckende 99 Prozent der gemeldeten FSME-Patienten nicht oder nur unzureichend geimpft. Die Impfung wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für alle Personen empfohlen, die in Risikogebieten leben oder dorthin reisen. Angesichts der Ausbreitung der Zecken ist eine Beratung mit dem Hausarzt für jeden ratsam, der viel Zeit in der Natur verbringt.
Weitere wichtige Schutzmaßnahmen
Neben der Impfung helfen folgende Maßnahmen, Stiche zu vermeiden:
- Richtige Kleidung: Tragen Sie in der Natur lange, helle Kleidung. Helle Stoffe erleichtern das Erkennen von Zecken. Stecken Sie die Hosenbeine in die Socken, um den Tieren den Zugang zur Haut zu erschweren.
- Insektenschutzmittel: Verwenden Sie Repellents, die auf Haut und Kleidung aufgetragen werden können. Diese bieten einen zeitlich begrenzten Schutz.
- Gründliches Absuchen: Suchen Sie Ihren Körper und den Ihrer Kinder nach jedem Aufenthalt im Freien gründlich ab. Bevorzugte Stichstellen sind warme, dünne Hautpartien wie Kniekehlen, Achselhöhlen, Haaransatz und der Intimbereich.
- Schnelle und korrekte Entfernung: Sollten Sie eine Zecke entdecken, entfernen Sie diese so schnell wie möglich mit einer Zeckenkarte, einer Pinzette oder einer Zeckenzange. Greifen Sie das Tier so nah wie möglich an der Haut und ziehen Sie es langsam und gerade heraus. Vermeiden Sie es, die Zecke zu quetschen oder mit Öl zu beträufeln.
Häufige Fragen
Ist der Landkreis Gifhorn ein offizielles FSME-Risikogebiet?
Nein, aktuell stuft das Robert Koch-Institut den Landkreis Gifhorn nicht als FSME-Risikogebiet ein. Allerdings warnen Experten, dass das Virus sich deutschlandweit ausbreitet und das Risiko auch außerhalb der definierten Gebiete steigt. Vorsicht ist daher überall geboten, wo Zecken vorkommen.
Schützt die FSME-Impfung auch vor Borreliose?
Nein, das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die Impfung schützt ausschließlich vor dem FSME-Virus. Gegen die weitaus häufigere, durch Bakterien ausgelöste Lyme-Borreliose gibt es keinen Impfschutz. Hier ist das schnelle Entfernen der Zecke die wichtigste Vorbeugung.
Wann sollte ich nach einem Zeckenstich zum Arzt?
Ein Arztbesuch ist ratsam, wenn Sie den Kopf der Zecke nicht vollständig entfernen konnten. Suchen Sie ebenfalls einen Arzt auf, wenn sich die Einstichstelle in den Tagen oder Wochen nach dem Stich stark rötet, anschwillt oder heiß wird. Auch grippeähnliche Symptome wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen oder die typische „Wanderröte" (ein sich ausbreitender roter Ring um die Stichstelle) sind dringende Warnsignale.
Die aktuelle Entwicklung zeigt unmissverständlich, dass die Bedrohung durch Zecken ernster genommen werden muss als je zuvor. Die Kombination aus klimatischen Veränderungen und der Ausbreitung der Krankheitserreger hat eine neue Risikolage geschaffen, die auch die Bewohner des Landkreises Gifhorn betrifft. Durch aufgeklärtes Verhalten, konsequente Schutzmaßnahmen und vor allem durch die Impfung gegen FSME lässt sich die Gefahr jedoch kontrollieren. So kann die heimische Natur auch weiterhin sicher genossen werden.

