Wenn die ersten milden und feuchten Frühlingsnächte den Winter vertreiben, erwacht in den Wäldern und Wiesen des Landkreises Gifhorn ein uralter Instinkt. Tausende Amphibien begeben sich auf eine gefährliche Reise zu ihren Laichgewässern, doch ihr Weg führt oft über viel befahrene Straßen – eine tödliche Falle. Engagierte Freiwillige werden dann zu Lebensrettern und betreiben ein „Kröten-Taxi“, um das Massensterben zu verhindern.

Ein Wettlauf gegen die Zeit: Die jährliche Amphibienwanderung

Die Amphibienwanderung ist ein beeindruckendes Naturschauspiel, das sich jedes Jahr meist zwischen Ende Februar und Anfang Mai abspielt. Sobald die Nachttemperaturen konstant über fünf Grad Celsius liegen und es idealerweise regnet, verlassen Erdkröten, Grasfrösche, Molche und Salamander ihre Winterquartiere. Ihr Ziel sind die Teiche, Tümpel und Seen, in denen sie selbst geschlüpft sind, um dort für die nächste Generation zu sorgen. Diese angeborene Ortstreue wird ihnen jedoch oft zum Verhängnis, denn in den letzten Jahrzehnten hat der Mensch ihre angestammten Routen mit einem dichten Netz aus Straßen durchzogen.

Für die langsam vorankommenden Tiere stellt der Asphalt eine fast unüberwindbare Barriere dar. Sie werden nicht nur direkt von Fahrzeugen überfahren, sondern sterben auch durch den Luftdruck schnell fahrender Autos. Ohne menschliches Eingreifen würden ganze Populationen innerhalb weniger Jahre ausgelöscht werden, was dramatische Folgen für das lokale Ökosystem hätte. Amphibien sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette und gelten als Indikator für die Gesundheit von Lebensräumen.

Ein Vorbild aus Österreich: Wie organisierter Schutz Tausende Leben rettet

Wie erfolgreich koordinierte Schutzmaßnahmen sein können, zeigt ein Blick ins österreichische Burgenland. Dort wird der Amphibienschutz in großem Stil praktiziert. Entlang von 33 kritischen Straßenabschnitten werden jedes Jahr temporäre Schutzzäune errichtet. Diese oft nur kniehohen Plastikplanen hindern die Tiere daran, auf die Fahrbahn zu gelangen. Auf ihrer Suche nach einem Durchgang fallen sie in eingegrabene Sammeleimer, die täglich von Helfern kontrolliert werden.

Die Zahlen sprechen für sich: Im vergangenen Jahr konnten auf diese Weise rund 44.400 Amphibien sicher über die Straßen gebracht werden. Diese beeindruckende Leistung ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen, Naturschutzorganisationen und der Landesstraßenverwaltung. Der Verein der burgenländischen Naturschutzorgane koordiniert die Aktion, die mit rund 20.000 Euro aus dem Naturschutzbudget unterstützt wird. Die Straßenmeistereien übernehmen den Aufbau der Zäune, was einen jährlichen Aufwand von über 200.000 Euro bedeutet. Die Freiwilligen, die sich selbst liebevoll als „Kröten-Taxi“ bezeichnen, sammeln die Tiere aus den Eimern, bestimmen und zählen sie und tragen sie sicher auf die andere Straßenseite zu ihren Laichgewässern. Dieses Modell zeigt eindrucksvoll, wie gemeinsames Engagement den Artenschutz entscheidend voranbringen kann.

Amphibienschutz vor unserer Haustür: Das Engagement im Landkreis Gifhorn

Was in Österreich funktioniert, hat auch im Landkreis Gifhorn eine lange Tradition. Hier sind es vor allem die ehrenamtlichen Helfer des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), Kreisverband Gifhorn, die sich unermüdlich für den Schutz der heimischen Amphibien einsetzen. Jedes Jahr im Spätwinter rücken sie aus, um an besonders gefährdeten Straßenabschnitten die lebensrettenden Schutzzäune zu errichten.

Die stillen Helden des NABU Gifhorn

Die Arbeit der Freiwilligen ist intensiv und erfordert viel Hingabe. Noch vor Beginn der Wanderung müssen die Zäune aufgebaut und die Fangeimer eingegraben werden. Sobald die Wanderung beginnt, ist täglicher Einsatz gefragt – oft in den frühen Morgenstunden oder späten Abendstunden, bei Nässe und Kälte. Die Eimer müssen kontrolliert, die Tiere vorsichtig herausgehoben und sicher zum Laichgewässer transportiert werden. Diese Aufgabe übernehmen Menschen aus allen Alters- und Berufsgruppen, die ihre Freizeit für den Naturschutz opfern. Ohne dieses bürgerschaftliche Engagement wäre der Amphibienschutz in diesem Umfang im Kreis Gifhorn nicht denkbar.

Wo im Kreis Gifhorn geholfen wird

Die Standorte der Schutzzäune werden sorgfältig ausgewählt und befinden sich dort, wo bekannte Wanderrouten von Straßen gekreuzt werden. Typische Einsatzorte sind Straßenabschnitte in der Nähe von Waldgebieten, Feuchtwiesen und Gewässern. In der Vergangenheit wurden beispielsweise Zäune an folgenden Orten betreut:

  • An der K114 bei Wilsche
  • Entlang der B188 bei Gamsen
  • In der Nähe von Feuchtgebieten bei Wesendorf und Wahrenholz
  • An weiteren kritischen Punkten im gesamten Kreisgebiet
Die genauen Standorte können von Jahr zu Jahr variieren, je nach Entwicklung der Populationen und der Verkehrssituation. Der NABU Gifhorn informiert in der Regel zu Beginn der Saison über die aktuellen Betreuungsstrecken und sucht oft händeringend nach weiterer Unterstützung.

Hintergrund: Warum der Amphibienschutz so überlebenswichtig ist

Der Schutz von Kröten, Fröschen und Molchen ist weit mehr als nur Tierliebe. Amphibien spielen eine zentrale Rolle im ökologischen Gleichgewicht. Als Jäger von Insekten, Schnecken und Würmern helfen sie, Schädlingspopulationen in Schach zu halten. Gleichzeitig dienen sie als wichtige Nahrungsquelle für Vögel wie Störche und Reiher sowie für Igel und Marder. Ihr Verschwinden würde eine Lücke im Nahrungsnetz hinterlassen.

Darüber hinaus sind Amphibien sogenannte Bioindikatoren. Ihre empfindliche, durchlässige Haut reagiert sensibel auf Umweltgifte und Veränderungen der Wasserqualität. Ein Rückgang der Amphibienpopulationen ist daher oft ein erstes Warnsignal für eine Verschlechterung des Zustands unserer Umwelt. Die Hauptgefahren für sie sind neben dem Straßentod der Verlust ihrer Lebensräume durch die Trockenlegung von Feuchtgebieten, die Zersiedelung der Landschaft und die intensive Landwirtschaft.

Häufige Fragen zum Amphibienschutz

Wie kann ich im Landkreis Gifhorn helfen?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, aktiv zu werden. Die wirksamste Hilfe ist die direkte Mitarbeit bei den Sammelaktionen des NABU Gifhorn. Meist werden zu Saisonbeginn Helfer gesucht, die bereit sind, eine Strecke für einen bestimmten Zeitraum zu übernehmen. Aber auch Autofahrer können einen wichtigen Beitrag leisten: Fahren Sie in den Frühlingsmonaten auf Straßen in der Nähe von Wäldern und Gewässern besonders in der Dämmerung und nachts langsam und vorausschauend. Oft weisen Warnschilder auf Amphibienwanderungen hin.

Warum wandern die Tiere ausgerechnet über die Straßen?

Amphibien sind sehr standorttreu. Sie kehren zum Laichen immer wieder in das Gewässer zurück, in dem sie geboren wurden. Ihre Wanderrouten zwischen Winterquartier (z.B. Wälder) und Laichgewässer (z.B. Teiche) sind seit Generationen festgelegt. Straßen wurden oft nachträglich durch diese Routen gebaut, ohne Rücksicht auf die Tierwelt. Die Tiere folgen ihrem Instinkt und versuchen, die Straße zu überqueren, da sie das Hindernis nicht als solches erkennen.

Wann ist die Hauptwanderzeit der Amphibien?

Die Hauptwanderung findet typischerweise von Ende Februar bis April statt. Die Tiere sind vor allem in milden, regnerischen Nächten aktiv, wenn die Temperatur nicht unter 5 Grad Celsius fällt. Tagsüber oder bei Kälte und Trockenheit verstecken sie sich meist unter Laub oder in Erdlöchern. Die genaue Zeit kann sich je nach Witterung von Jahr zu Jahr leicht verschieben.

Der unermüdliche Einsatz der freiwilligen Helfer im Landkreis Gifhorn ist ein leuchtendes Beispiel für gelebten Naturschutz. Ihre Arbeit sorgt nicht nur dafür, dass Tausende Amphibien ihre Laichgewässer sicher erreichen, sondern schärft auch das Bewusstsein für die Verletzlichkeit unserer heimischen Tierwelt. Jeder Einzelne kann durch rücksichtsvolles Verhalten und aktive Unterstützung dazu beitragen, dass das Quaken der Frösche und der Anblick von Kröten auch für zukünftige Generationen ein selbstverständlicher Teil des Frühlings im Landkreis Gifhorn bleibt.