Ein eigener Brunnen im Garten ist für viele Bewohner des Landkreises Gifhorn ein Segen – er liefert Wasser für Beete, Rasen und den kleinen Planschteich im Sommer. Doch eine neue Auswertung einer 25-jährigen Messreihe des VSR-Gewässerschutz zeichnet ein beunruhigendes Bild: Die Nitratbelastung im Grundwasser ist zwar gesunken, aber bei weitem nicht so stark wie erhofft, was Risiken für Mensch, Tier und Umwelt birgt.

Besorgniserregende Ergebnisse nach 25 Jahren Messung

Seit 2001 tourt das Labormobil des VSR-Gewässerschutz regelmäßig durch den Landkreis Gifhorn und bietet Bürgern die Möglichkeit, ihr Brunnenwasser analysieren zu lassen. Über die Jahre kamen so insgesamt 1.158 Proben zusammen, die nun eine umfassende Langzeitanalyse ermöglichen. Die Ergebnisse, die die gemeinnützige Organisation kürzlich vorstellte, sind ernüchternd und zeigen eine nur langsame Verbesserung der Grundwasserqualität.

Harald Gülzow, der die Untersuchungen im Kreis Gifhorn von Beginn an begleitet hat, fasst die Entwicklung zusammen: „Es zeigt sich, dass die Maßnahmen in der Landwirtschaft zur Verringerung der Nitratbelastung im Grundwasser Wirkung zeigen. Allerdings ist die Nitratbelastung bisher nicht wie gehofft gesunken.“

Die Zahlen im Detail

Die Daten belegen eine hartnäckige Problematik. Der gesetzliche Grenzwert für Trinkwasser liegt bei 50 Milligramm Nitrat pro Liter (mg/l). Dieser Wert dient auch als wichtiger Orientierungspunkt für Brunnenwasser, das im Garten vielseitig genutzt wird.

  • Im Zeitraum von 2001 bis 2005 überschritten erschreckende 54,6 Prozent aller untersuchten Brunnen im Kreis Gifhorn diesen Grenzwert.
  • Zwanzig Jahre später, im Zeitraum von 2021 bis 2025, waren es immer noch 18,9 Prozent der Brunnen. Das ist zwar ein deutlicher Rückgang, aber fast jeder fünfte Brunnen ist weiterhin zu stark belastet.
  • Besonders alarmierend ist die Situation bei den extrem hohen Belastungen. Der Anteil der Brunnen mit Werten von über 100 mg/l sank im gesamten Untersuchungszeitraum nur minimal auf 2,4 Prozent.

Diese Zahlen verdeutlichen, dass das Problem der Nährstoffüberschüsse im Boden und Grundwasser tiefgreifend ist und die bisherigen Anstrengungen nicht ausreichen, um eine flächendeckende Entwarnung zu geben.

Hintergrund

Um die aktuellen Ergebnisse einordnen zu können, ist ein Blick auf die Ursachen und Zusammenhänge entscheidend. Die hohe Nitratbelastung im Grundwasser ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger landwirtschaftlicher Praktiken und politischer Rahmenbedingungen, die erst langsam angepasst werden.

Was ist Nitrat und warum ist es ein Problem?

Nitrat ist eine Stickstoffverbindung, die für das Pflanzenwachstum essenziell ist. Aus diesem Grund wird sie in großen Mengen in Form von Mineral- und Wirtschaftsdüngern (z.B. Gülle) auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht. Wenn jedoch mehr Stickstoff gedüngt wird, als die Pflanzen aufnehmen können, wird der Überschuss im Boden zu Nitrat umgewandelt. Mit dem Regenwasser sickert dieses Nitrat dann langsam durch die Bodenschichten und gelangt schließlich ins Grundwasser.

Für den Menschen ist Nitrat in höheren Konzentrationen gesundheitsschädlich. Insbesondere für Säuglinge besteht die Gefahr der sogenannten „Blausucht“ (Methämoglobinämie), bei der die Sauerstoffaufnahme im Blut blockiert wird. Auch für Nutz- und Haustiere kann nitratreiches Wasser als Tränke gefährlich sein. Darüber hinaus hat die hohe Nährstofffracht verheerende Auswirkungen auf unsere Ökosysteme. Das Nitrat gelangt über Bäche und Flüsse letztendlich in die Nordsee und führt dort zu übermäßigem Algenwachstum, das Sauerstoffmangel verursacht und die marine Artenvielfalt bedroht.

Die Rolle der Landwirtschaft und der Politik

Die Nitratrichtlinie der EU verpflichtet Deutschland bereits seit 1991, die Gewässer vor Verunreinigungen durch Nitrat aus der Landwirtschaft zu schützen. Die Umsetzung, insbesondere durch die deutsche Düngeverordnung, wurde jedoch lange als unzureichend kritisiert. Die Regelungen waren oft nicht streng genug, um den Eintrag wirksam zu begrenzen. Dies führte dazu, dass die Nitratbelastung in vielen Regionen, so auch im Landkreis Gifhorn, über Jahrzehnte auf einem hohen Niveau verharrte.

Lösungsansätze und verbleibende Herausforderungen

Während die Gesamtbilanz durchwachsen ist, gibt es Bereiche, in denen bereits erfolgreich gegengesteuert wird. Diese Erfolge zeigen, dass eine Verbesserung möglich ist, wenn die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.

Erfolge in Wasserschutzgebieten: Ein Modell für die Zukunft?

Ein Lichtblick sind die Entwicklungen innerhalb ausgewiesener Wasserschutzgebiete. Hier haben viele Wasserversorger frühzeitig erkannt, dass sie sich nicht allein auf die Politik verlassen können, um die Qualität des Rohwassers für die öffentliche Trinkwasserversorgung zu sichern. Sie sind freiwillige Kooperationen mit Landwirten eingegangen. In diesen Partnerschaften werden Landwirte finanziell dafür entschädigt, dass sie über die gesetzlichen Vorgaben hinaus gewässerschonend wirtschaften. Dazu gehören eine effizientere, bedarfsgerechte Düngung und der Anbau von Zwischenfrüchten, die überschüssigen Stickstoff im Boden binden. Diese Kooperationen sind ein Erfolgsmodell, das dazu beiträgt, teure technische Aufbereitungsverfahren zur Nitratentfernung aus dem Trinkwasser zu vermeiden.

Der Appell: Flächendeckender Schutz ist notwendig

Das Kernproblem, so der VSR-Gewässerschutz, ist jedoch, dass diese intensiven Schutzmaßnahmen meist auf die Einzugsgebiete von Trinkwasserbrunnen beschränkt sind. Außerhalb dieser Zonen, wo die meisten privaten Gartenbrunnen liegen, ist die Belastung oft weiterhin hoch. Die Organisation fordert daher, die Nitratbelastung flächendeckend und nicht nur punktuell zu senken. „Eine Verringerung der Nitratbelastung ist dringend nötig, um die Artenvielfalt zu fördern“, mahnt Harald Gülzow. Jeder Gartenbesitzer sollte sein Brunnenwasser ohne Bedenken zum Gießen, zum Befüllen eines Teiches oder als Tränkwasser für Tiere nutzen können.

Was können Brunnenbesitzer in Gifhorn jetzt tun?

Angesichts der Ergebnisse ist es für jeden Brunnenbesitzer im Landkreis ratsam, die Wasserqualität regelmäßig überprüfen zu lassen. Der VSR-Gewässerschutz wird auch in diesem Jahr wieder mit seinem Labormobil in der Region unterwegs sein, um die Entwicklung weiter zu beobachten und Bürgern eine kostengünstige Analyse anzubieten. Die genauen Termine und Standorte werden auf der Webseite der Organisation veröffentlicht. Eine Wasserprobe gibt schnell und unkompliziert Aufschluss über die aktuelle Nitratkonzentration und hilft dabei, Risiken für die eigene Familie und Haustiere zu vermeiden.

Häufige Fragen

Warum ist mein Brunnenwasser belastet, aber das Leitungswasser ist sicher?

Das öffentliche Trinkwasser wird aus tiefen Brunnen in speziell geschützten Wasserschutzgebieten gewonnen. Hier greifen strenge Auflagen und die erwähnten Kooperationen mit der Landwirtschaft. Zudem wird das Wasser vom Versorger aufbereitet und streng kontrolliert, bevor es ins Netz eingespeist wird. Private Gartenbrunnen sind hingegen oft flacher und befinden sich außerhalb dieser Schutzzonen, weshalb sie anfälliger für Einträge aus der Landwirtschaft sind.

Was bedeutet ein Nitratwert über 50 mg/l für meinen Garten?

Für die meisten Pflanzen ist ein erhöhter Nitratwert unproblematisch, da es sich um einen Nährstoff handelt. Beim Anbau von Gemüse, das roh verzehrt wird (wie Salat oder Radieschen), sollte man jedoch vorsichtig sein, da sich Nitrat in den Pflanzen anreichern kann. Keinesfalls sollte Wasser mit Werten über 50 mg/l zum Befüllen von Planschbecken für Kleinkinder oder als Trinkwasser für Haustiere verwendet werden.

Wie kann ich mein Brunnenwasser testen lassen?

Die einfachste Möglichkeit ist die Nutzung des Angebots des VSR-Gewässerschutz, wenn das Labormobil im Landkreis Gifhorn Station macht. Die Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Alternativ kann man eine Probe auch an spezialisierte Labore schicken. Für den Test genügt in der Regel eine saubere 0,5-Liter-Flasche, die frisch mit Brunnenwasser befüllt wurde.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Landkreis Gifhorn auf dem richtigen Weg ist, die Nitratbelastung im Grundwasser zu reduzieren, das Ziel aber noch lange nicht erreicht ist. Die Langzeitstudie des VSR-Gewässerschutz ist ein wichtiger Weckruf, die Anstrengungen im Gewässerschutz zu intensivieren und die erfolgreichen Modelle aus den Wasserschutzgebieten auf die gesamte Fläche auszuweiten. Für Brunnenbesitzer bleibt die Eigenverantwortung, die Qualität ihres Wassers im Auge zu behalten, um die eigene Gesundheit und die lokale Umwelt zu schützen.