An einem kühlen Herbstmorgen rollen drei thermoisolierte Lastwagen auf einer rund 600 Meter langen Baustelle an der Berliner Straße vor. Sie liefern eine dampfende, 140 Grad heiße Asphaltmischung an, die von einem Asphaltfertiger gleichmäßig auf der Fahrbahn verteilt wird. Doch an dieser Baustelle ist einiges anders als gewohnt: Statt des üblichen, aus Erdöl gewonnenen Bindemittels kommt hier eine innovative Rezeptur zum Einsatz. Wissenschaftler der Technischen Universität Braunschweig haben gemeinsam mit internationalen Partnern ein Verfahren entwickelt, bei dem fossiles Bitumen durch ein Bindemittel aus nachwachsenden Rohstoffen ersetzt wird. Dieses sogenannte Tallöl stammt aus der Papier- und Zellstoffindustrie und wird aus Kiefernholz gewonnen.
Hintergrund: Warum der Straßenbau neue Wege gehen muss
Herkömmlicher Asphalt besteht zu etwa 95 Prozent aus einer Mischung aus Splitt, Sand und Bitumen. Bitumen ist ein Erdölderivat, das bei der Verarbeitung von Rohöl in Raffinerien als Rückstand anfällt. Über Jahrzehnte hinweg hat sich dieses Material im Straßenbau bewährt, da es äußerst belastbar ist. Allerdings hat die Verwendung von fossilem Bitumen gravierende ökologische und ökonomische Nachteile. Nach Angaben von Experten der TU Braunschweig verbraucht die Herstellung von nur einer Tonne Bitumen rund 1.000 Liter Wasser und schlägt mit etwa 15.000 Kilowattstunden Energie zu Buche. Der konventionelle Straßenbau trägt somit erheblich zu den weltweiten CO2-Emissionen bei.
Hinzu kommt ein massiver Preisanstieg auf den Energiemärkten. In den vergangenen Jahren hat sich der Preis für eine Tonne Bitumen von ehemals rund 300 Euro auf mittlerweile etwa 600 Euro verdoppelt. Auch der Verband der Bauwirtschaft in Niedersachsen und Regionen wie Gifhorn beobachten diese Entwicklung mit Sorge, da kommunale Haushalte durch steigende Sanierungskosten stark belastet werden. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurde das wegweisende Forschungsprojekt NOBIT („No Bitumen“) ins Leben gerufen, an dem neben der TU Braunschweig auch die TU Wien sowie die Ostschweizer Fachhochschule beteiligt sind.
Das NOBIT-Projekt: Nachhaltige Technologie aus Niedersachsen
Im Rahmen des NOBIT-Projekts wurde ein zukunftsweisendes Konzept für die Nutzung von Bioasphalt erarbeitet. Die auf der Teststrecke verbaute Masse setzt sich zu beachtlichen 60 Prozent aus recyceltem, altem Straßenasphalt zusammen, der zuvor abgefräst, zerkleinert und sorgfältig gesiebt wurde. Das fehlende Bindemittel wird durch das umweltfreundliche Kiefernöl ersetzt, welches das in die Jahre gekommene und spröde Material wieder elastisch macht.
Durch Sonneneinstrahlung und extreme Temperaturwechsel im Sommer wie im Winter wird herkömmlicher Asphalt im Laufe der Zeit hart und brüchig. Das führt zu Rissen und Schlaglöchern, die regelmäßig kostenintensive Instandhaltungsmaßnahmen erfordern. Das Kiefernöl dringt tief in die alten Strukturen ein und revitalisiert das Bindemittel auf biologische Weise. Für die 600 Meter lange Probestrecke in Braunschweig prognostizieren die beteiligten Wissenschaftler eine Einsparung von etwa 30 Prozent weniger CO2-Emissionen im Vergleich zu einer konventionellen Sanierung.
Vorteile von Bioasphalt im Überblick
Die bisherigen Labor- und Praxisuntersuchungen des Forschungsteams liefern vielversprechende Ergebnisse. Die technischen Eigenschaften des Bioasphalts stehen denen von herkömmlichen Belägen in nichts nach. Zu den zentralen Vorteilen gehören:
- Ressourcenschonung: Deutlich geringerer Einsatz von fossilem Erdöl durch die Nutzung von nachwachsendem Kiefernöl.
- Recyclingquote: Verwendung von rund 60 Prozent wiederverwertetem Altasphalt schont Deponien und Rohstoffreserven.
- Klimaschutz: Reduzierung der CO2-Emissionen um etwa 30 Prozent bei der Herstellung und Verarbeitung.
- Arbeitsschutz: Die Einbautemperatur wurde von sonst üblichen 160 Grad auf 140 Grad Celsius gesenkt. Das schützt die Bauarbeiter vor gesundheitsschädlichen Dämpfen und Aerosolen.
Ähnlich wie bei großen Infrastrukturprojekten in Niedersachsen, wie etwa dem politischen Wandel und regionalen Fokus in der Region Braunschweig und Wolfsburg, stehen hier Zukunftsorientierung und regionale Kompetenz im Mittelpunkt. Auch im Sportbereich zeigt sich die Region innovativ, wie der jüngste Erfolg von Eintracht Braunschweig im Abstiegskampf unter Beweis stellt – Fortschritt und Teamgeist zahlen sich eben aus.
Kosten und Ausblick für die Zukunft
Die Gesamtkosten für die Sanierung und den wissenschaftlich begleiteten Einbau der 600-Meter-Probestrecke belaufen sich auf knapp 600.000 Euro. Interessanterweise ist dabei nicht das biologische Kiefernöl der primäre Kostentreiber, sondern die allgemein gestiegenen Preise für Diesel und klassische Baustoffe. Stadtbaurat Gerold Leppa zeigt sich begeistert von der engen Kooperation mit der Technischen Universität: „Wir arbeiten bei vielen Projekten gerne mit der TU zusammen, wie auch schon beim autonomen Fahren. Das Besondere ist, dass das Projekt so fortlaufend wissenschaftlich begleitet wird.“ Ob sich der biobasierte Straßenbelag langfristig gegen die täglichen Belastungen durch schweren Lkw- und Autoverkehr behaupten kann, werden die kommenden Jahre zeigen. Sollten sich die Testergebnisse bestätigen, könnte diese Technologie auch für angrenzende Landkreise wie Gifhorn und Wolfsburg ein wegweisender Standard für den kommunalen Straßenbau werden.
Häufige Fragen
Wie wird Bioasphalt hergestellt?
Bioasphalt wird zu rund 60 Prozent aus recyceltem Altasphalt hergestellt, der zerkleinert und aufbereitet wird. Das fehlende Bindemittel wird nicht durch fossiles Bitumen aus Erdöl ersetzt, sondern durch Tallöl aus Kiefernholz, einem Nebenprodukt der Papier- und Zellstoffindustrie.
Ist Bioasphalt teurer als normaler Asphalt?
Die Materialkosten für das Kiefernöl selbst fallen kaum ins Gewicht. Der Großteil der Gesamtkosten von knapp 600.000 Euro für die Teststrecke wird durch allgemeine Preissteigerungen bei Diesel und konventionellen Baustoffen verursacht.
Welche Vorteile hat die niedrigere Einbautemperatur?
Der Bioasphalt wird bei 140 statt der üblichen 160 Grad Celsius verarbeitet. Das spart nicht nur wertvolle Energie, sondern schützt auch die Arbeiter vor Ort, da deutlich weniger gesundheitsschädliche Dämpfe und Aerosole entstehen.
Der Testlauf mit Bioasphalt in Braunschweig verdeutlicht, wie stark Wissenschaft und kommunale Praxis Hand in Hand gehen können, um ökologische und ökonomische Herausforderungen im Straßenbau zu bewältigen. Wenn sich die innovative Mischung aus Altasphalt und Kiefernöl im Alltag bewährt, steht einer breiteren Anwendung in ganz Niedersachsen nichts im Wege.