Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen – und mit ihnen erwacht eine unscheinbare, aber potenziell gefährliche Bedrohung in unseren Wäldern und Wiesen. Eine neue Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) sorgt nun für Aufsehen und unterstreicht eine besorgniserregende Entwicklung: Die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) breitet sich in Deutschland weiter aus.

Neue Risikogebiete ausgewiesen: Die Deutschlandkarte färbt sich weiter rot

In seinem jüngsten epidemiologischen Bulletin hat das RKI die Landkarte der FSME-Risikogebiete erneut aktualisiert. Neu hinzugekommen sind der Landkreis Nordsachsen in Sachsen sowie der Stadtkreis Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt. Damit erhöht sich die Gesamtzahl der offiziell als FSME-Risikogebiete eingestuften Kreise in Deutschland auf nunmehr 185. Diese Ausweitung ist kein Einzelfall, sondern Teil eines langjährigen Trends, der Experten zunehmend Sorgen bereitet.

Die Definition eines Risikogebiets erfolgt nach klaren Kriterien. Ein Landkreis wird als solches eingestuft, wenn die Zahl der gemeldeten FSME-Erkrankungen in einem Fünfjahreszeitraum einen bestimmten Schwellenwert überschreitet. Die kontinuierliche Zunahme dieser Gebiete zeigt, dass die kleinen Spinnentiere, die das Virus in sich tragen, immer neue Lebensräume erobern und die Gefahr einer Infektion längst nicht mehr nur auf den Süden Deutschlands beschränkt ist.

Hintergrund

Um die aktuelle Warnung des RKI vollständig einordnen zu können, ist es wichtig, die Krankheit selbst und die Ursachen ihrer Ausbreitung zu verstehen. Die Gefahr ist real, doch mit dem richtigen Wissen können sich die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Gifhorn effektiv schützen.

Was genau ist die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)?

FSME ist eine Viruserkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Übertragen wird sie hauptsächlich durch den Stich einer infizierten Zecke, dem sogenannten Gemeinen Holzbock. Nach einem Biss gelangen die Viren in die Blutbahn und können eine Erkrankung auslösen, die typischerweise in zwei Phasen verläuft:

  • Phase 1: Etwa ein bis zwei Wochen nach dem Stich treten bei rund 30 Prozent der Infizierten grippeähnliche Symptome auf. Dazu gehören Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Viele Betroffene halten dies für eine harmlose Sommergrippe, da die Beschwerden nach einigen Tagen wieder abklingen.
  • Phase 2: Bei einem kleineren Teil der Erkrankten (etwa 10 Prozent der symptomatischen Fälle) kommt es nach einer kurzen symptomfreien Zeit zu einem zweiten Fieberschub. In dieser Phase befällt das Virus das zentrale Nervensystem und kann eine Hirnhautentzündung (Meningitis), eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) oder sogar eine Entzündung des Rückenmarks (Myelitis) verursachen. Symptome sind hierbei starke Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Übelkeit und neurologische Ausfälle.

Während viele Infektionen unbemerkt oder mit milden Symptomen verlaufen, können schwere Verläufe zu bleibenden Schäden wie Lähmungen, Konzentrations- und Gleichgewichtsstörungen führen. Etwa ein Prozent der Erkrankungen mit neurologischen Symptomen endet tödlich.

Der Klimawandel als Treiber der Zeckenausbreitung

Die Hauptursache für die geografische Ausbreitung der Zecken und damit der FSME ist der Klimawandel. Die Winter werden milder, was dazu führt, dass mehr Zecken die kalte Jahreszeit überleben. Gleichzeitig verlängert sich durch wärmere Frühjahrs- und Herbstmonate die Aktivitätsperiode der Tiere. Sie sind früher im Jahr und länger bis in den Herbst hinein aktiv, was das Zeitfenster für mögliche Infektionen deutlich vergrößert. Diese veränderten klimatischen Bedingungen ermöglichen es den Zeckenpopulationen, sich auch in nördlicheren Regionen Deutschlands dauerhaft anzusiedeln, in denen sie früher kaum überlebensfähig waren.

Die Lage in Niedersachsen: Wie gefährdet ist der Landkreis Gifhorn?

Die gute Nachricht vorweg: Der Landkreis Gifhorn selbst ist derzeit kein ausgewiesenes FSME-Risikogebiet. Die Mehrheit der Risikogebiete konzentriert sich nach wie vor auf den Süden und Osten Deutschlands, insbesondere auf Bayern, Baden-Württemberg, Südhessen, Sachsen und Thüringen. Dennoch ist Wachsamkeit geboten, denn die Gefahr rückt näher.

In Niedersachsen gibt es mit dem Landkreis Emsland bereits seit einigen Jahren ein etabliertes Risikogebiet. Dies belegt, dass das FSME-Virus auch in unserem Bundesland präsent ist und von heimischen Zeckenpopulationen übertragen wird. Experten warnen davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Zecken kennen keine Landkreisgrenzen, und durch reisende Wildtiere wie Vögel oder Rehe können infizierte Tiere auch in bisher nicht betroffene Regionen gelangen.

Gerade im Landkreis Gifhorn mit seinen beliebten Naherholungsgebieten wie der Südheide oder dem Drömling, die zu Spaziergängen, Radtouren und Picknicks einladen, ist Vorsicht geboten. Überall dort, wo hohes Gras, Büsche oder Unterholz zu finden sind, können Zecken lauern. Auch im eigenen Garten sind die Blutsauger keine Seltenheit.

Schutzmaßnahmen: So minimieren Sie Ihr Risiko aktiv

Der beste Schutz vor einer FSME-Erkrankung ist die Prävention. Jeder Einzelne kann durch einfache Verhaltensregeln das Risiko eines Zeckenstichs und einer möglichen Infektion erheblich reduzieren.

Vorbereitung und Verhalten in der Natur

  • Helle, geschlossene Kleidung: Tragen Sie bei Ausflügen ins Grüne lange Hosen und langärmelige Oberteile. Auf heller Kleidung sind die dunklen Zecken leichter zu erkennen.
  • Hosenbeine in die Socken: Dieser einfache Trick erschwert es den Zecken, unter die Kleidung zu gelangen.
  • Repellents: Insektenschutzmittel, die auf Haut und Kleidung aufgetragen werden, können Zecken für einige Stunden fernhalten.
  • Wege nicht verlassen: Zecken halten sich bevorzugt in hohem Gras, Gebüsch und Unterholz auf. Bleiben Sie möglichst auf befestigten Wegen.

Der Körpercheck nach jedem Ausflug

Die wichtigste Maßnahme ist das gründliche Absuchen des gesamten Körpers nach jedem Aufenthalt im Freien. Zecken bevorzugen warme, dünne und gut durchblutete Hautstellen. Kontrollieren Sie besonders:

  • Haaransatz und Kopfhaut
  • Achselhöhlen und Armbeugen
  • Kniekehlen und Leistengegend
  • Bauchnabel und den Bereich hinter den Ohren

Die FSME-Impfung: Der wirksamste Schutz

Gegen FSME gibt es, im Gegensatz zur ebenfalls von Zecken übertragenen Borreliose, eine wirksame Schutzimpfung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung allen Personen, die in FSME-Risikogebieten leben oder arbeiten und dort mit Zecken in Kontakt kommen könnten. Sie wird ebenfalls für Reisende in Risikogebiete empfohlen. Die Statistik des RKI ist hier eindeutig: Im vergangenen Jahr waren 98 Prozent der gemeldeten FSME-Erkrankten nicht oder nur unzureichend geimpft. Für eine vollständige Grundimmunisierung sind drei Impfdosen notwendig. Eine Auffrischung wird je nach Alter und Impfstoff alle drei bis fünf Jahre empfohlen.

Häufige Fragen

Ist jeder Zeckenbiss gefährlich?

Nein, nicht jeder Zeckenstich führt zu einer Erkrankung. Zum einen trägt nicht jede Zecke Krankheitserreger in sich. In FSME-Risikogebieten sind schätzungsweise 0,1 bis 5 Prozent der Zecken mit dem FSME-Virus infiziert. Zum anderen muss die Zecke eine gewisse Zeit saugen, um Erreger zu übertragen. Daher ist das schnelle Entfernen des Tieres entscheidend.

Was soll ich tun, wenn ich eine Zecke finde?

Bewahren Sie Ruhe. Greifen Sie die Zecke mit einer feinen Pinzette oder einer speziellen Zeckenkarte so nah wie möglich an der Hautoberfläche. Ziehen Sie das Tier langsam und gerade heraus, ohne es zu quetschen oder zu drehen. Desinfizieren Sie die Stichstelle anschließend. Beobachten Sie die Stelle in den folgenden Wochen. Bei auftretender Rötung oder grippeähnlichen Symptomen sollten Sie umgehend einen Arzt aufsuchen.

Übernimmt meine Krankenkasse die Kosten für die FSME-Impfung, auch wenn ich nicht in einem Risikogebiet wohne?

Die Kostenübernahme für die FSME-Impfung ist unterschiedlich geregelt. Für Personen, die in einem Risikogebiet leben, ist sie in der Regel eine Kassenleistung. Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten aber auch als freiwillige Satzungsleistung für private Reisen in Risikogebiete im In- und Ausland. Es empfiehlt sich, vor der Impfung direkt bei der eigenen Krankenkasse nachzufragen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bedrohung durch FSME-infizierte Zecken in Deutschland zunimmt und auch vor Niedersachsen nicht haltmacht. Auch wenn der Landkreis Gifhorn aktuell kein Risikogebiet ist, erfordern die wärmeren Temperaturen und die zunehmende Ausbreitung der Spinnentiere eine erhöhte Achtsamkeit. Durch vorbeugende Maßnahmen, gründliches Absuchen nach Aufenthalten im Freien und eine ärztliche Beratung bezüglich einer möglichen Schutzimpfung kann jeder das persönliche Risiko minimieren und die Natur in unserer Heimat weiterhin sicher genießen.