Das Drama im niedersächsischen Erzbergwerk

Es war ein ganz normaler Herbsttag im Oktober des Jahres 1963, als im niedersächsischen Erzbergwerk Lengede bei Salzgitter eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes ihren Lauf nahm. Kurz vor dem Ende der zweiten Schicht brach am Donnerstag, dem 24. Oktober 1963, ein erst kürzlich errichteter Klärteich ein. Fast 500.000 Kubikmeter Schlamm und Wassermassen stürzten in die Grube Mathilde und rogen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellte. Von insgesamt 129 Kumpeln unter Tage konnten sich zwar viele retten, doch für Dutzende schien die Situation zunächst aussichtslos. Was folgte, war ein historischer Überlebenskampf, der unter dem Namen „Das Wunder von Lengede“ weltweit Schlagzeilen schrieb und Millionen Menschen vor den Fernsehern in Atem hielt.

Ein Kampf ums Überleben in völliger Finsternis

Während sich einige Bergleute in den ersten Stunden durch waghalsige Aktionen selbst befreien konnten, flüchteten sich Kumpel wie Bernhard Wolter und der junge Elektromechaniker Adolf Herbst geistesgegenwärtig in einen alten Streckenausbau. Über schmale Bretter gelangten sie schließlich in einen sogenannten „Alten Mann“ – einen verlassenen Hohlraum von nur sechs mal zwei mal drei Metern Größe. Hier begann für die Männer ein tagelang währender Albtraum in absoluter Dunkelheit, ständiger Bedrohung durch Steinschläge und extremer Atemnot.

  • 14 Tage verbrachten die elf Überlebenden in dem finsteren Schacht.
  • Der Sauerstoff war knapp, die Verzweiflung riesig und die Wasservorräte hochgradig kontaminiert.
  • Erst nach tagelangem Warten hörten sie die erlösenden Bohrgeräusche von oben.

Globale Medienaufmerksamkeit und ein unerwartetes Ende

Während die Männer tief unter der Erde ausharrten, lief an der Oberfläche eine beispiellose Rettungsaktion an. Fast 1.000 Hilfskräfte vom Roten Kreuz, dem Technischen Hilfswerk, der Bundeswehr und dem Grenzschutz waren im Einsatz. Zum ersten Mal bei einem solchen Unglück berichteten Medien aus aller Welt live vor Ort. 449 Journalisten und zahlreiche Fernseh-Anstalten aus Europa und Übersee machten Lengede zum Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit.

Doch die Hoffnung schwand zusehends. Der Hüttendirektor hatte die Verschütteten bereits offiziell für tot erklärt, eine Trauerfeier war angesetzt und die Bergungskolonnen waren größtenteils abgerückt. Nur der unermüdliche Einsatz einzelner Kumpel, die an ein Überleben im „Alten Mann“ glaubten, führte zu einer letzten, zufälligen Bohrung. Am 3. November durchbrach das Bohrgerät exakt den richtigen Hohlraum. Über ein schmales Rohr von nur 42 Millimetern Durchmesser konnte endlich Kontakt aufgenommen werden.

Hintergrund: Ursachen, Folgen und das Vermächtnis

Die dramatische Rettung der elf Männer über die berühmte „Dahlbuschbombe“ – eine torpedoförmige Rettungskapsel – endete am 7. November 1963 mit emotionalen Szenen an der Tageslicht. Doch das „Wunder von Lengede“ hatte eine schreckliche Kehrseite: 29 Bergleute hatten das Unglück nicht überlebt. Ein späterer Untersuchungsbericht offenbarte gravierende Mängel: Der Betrieb des Klärteiches galt von Beginn an als höchstgefährliches Risiko. Zu einem Prozess kam es jedoch mangels ausreichender Beweise nie.

Für die Überlebenden bedeutete die Rettung keineswegs ein unbeschwertes Leben. Eine psychologische Betreuung gab es damals noch nicht. Viele Kumpel mussten kurz nach ihrer Genesung unter harten Bedingungen wieder unter Tage arbeiten oder suchten sich Jobs in der Automobilindustrie, wie etwa bei Volkswagen in Wolfsburg. Heute erinnert eine Gedenkstätte und seit dem 60. Jahrestag ein modernes Museum in Lengede an die Opfer und die spektakuläre Rettung.

Häufige Fragen

Wie lange waren die Bergleute in Lengede eingeschlossen?

Die letzten elf überlebenden Bergleute verbrachten exakt 14 Tage – vom 24. Oktober bis zum 7. November 1963 – in völliger Dunkelheit und unter extremen Bedingungen im sogenannten „Alten Mann“ tief unter der Erde.

Was war die Dahlbuschbombe?

Die Dahlbuschbombe war eine speziell entwickelte, torpedoförmige Rettungskapsel, die bei dem Unglück in Lengede erstmals in großem Stil eingesetzt wurde, um die Verschütteten sicher durch schmale Bohrlöcher nach oben zu transportieren.

Gibt es heute noch Bergbau in Lengede?

Nein, der Abbau von Eisenerz wurde Ende 1977 endgültig eingestellt. Zwei Jahre später wurde auch der markante Förderturm des Schachtes Mathilde gesprengt. Das Gelände dient heute als historische Gedenkstätte.

Das Grungunglück von Lengede bleibt bis heute ein tiefgreifendes Kapitel deutscher Industriegeschichte. Es steht symbolisch für den unbändigen Überlebenswillen der Kumpel, die Solidarität unter den Bergleuten, aber auch für die schmerzhaften Schattenseiten der industriellen Arbeit im vergangenen Jahrhundert.