Ein Schock für die gesamte Region Braunschweig und darüber hinaus: Die lang erwartete Bergung des Atommülls aus der maroden Schachtanlage Asse II wird nicht wie geplant im Jahr 2033 beginnen. Diese Hiobsbotschaft, die die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) nun offiziell bestätigte, wirft einen dunklen Schatten auf eines der komplexesten Umweltprojekte Deutschlands und schürt erneut Ängste bei den Anwohnern, auch im nahegelegenen Landkreis Gifhorn.

Neuer Zeitplan für Asse-Räumung geplatzt: BGE nennt Gründe

Die Nachricht kam überraschend und doch für viele Beobachter nicht gänzlich unerwartet. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), die mit der Mammutaufgabe der Rückholung betraut ist, hat den bisherigen Zeitplan für ungültig erklärt. Eine Sprecherin des Unternehmens, Dagmar Dehmer, erklärte, dass der anvisierte Starttermin 2033 nicht mehr zu halten sei. Als wesentlicher Grund wurden notwendige Umplanungen im gesamten Ablauf des Projekts genannt. Ein umfassender Gesamtplan, der ursprünglich für dieses Frühjahr angekündigt war, konnte daher nicht vorgelegt werden.

Laut BGE war das im Jahr 2020 vorgestellte Konzept, das den Start der Bergung für 2033 vorsah, an vielen Stellen nicht ausreichend detailliert und „nicht planungsuntersetzt“. Man habe in den letzten Jahren erkannt, dass die Komplexität des Vorhabens eine grundlegendere und sorgfältigere Planung erfordere, als ursprünglich angenommen. Diese Neubewertung führt nun zu einer Verzögerung auf unbestimmte Zeit, da die BGE derzeit keinen neuen, verlässlichen Termin für den Beginn der Rückholung nennen kann. Diese Unsicherheit sorgt für erheblichen Unmut und Misstrauen in der betroffenen Region.

Scharfe Kritik aus der Politik: Umweltminister Meyer zeigt sich empört

Die Reaktion aus der Landespolitik ließ nicht lange auf sich warten. Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) äußerte sich scharf und unmissverständlich zu der Verzögerung. „Ich bin empört, dass die vom Bundestag beschlossene Räumung der Asse auf den Sankt-Nimmerleinstag-Tag verschoben werden soll“, so Meyer in einer deutlichen Stellungnahme. Er warf der BGE vor, stattdessen die Flutung des Bergwerks vorzubereiten, was einem kompletten Richtungswechsel gleichkäme und die endgültige Sicherung der radioaktiven Abfälle unmöglich machen würde.

Meyer betonte, dass die unverzügliche Rückholung der atomaren Abfälle nicht nur ein politisches Versprechen an die Menschen in der Region sei, sondern ein per Gesetz vom Bundestag beschlossener Auftrag. Das sogenannte „Lex Asse“ verpflichtet den Bund und seine ausführenden Organe zur Bergung des Mülls. „Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie dafür sorgt, dass die BGE sich an das Asse-Gesetz hält und die Räumung des Atommülls aus dem absaufenden Bergwerk endlich angeht“, forderte der Minister. Seine Worte spiegeln die wachsende Frustration wider, die viele Bürgerinnen und Bürger angesichts der immer neuen Hiobsbotschaften aus der Asse empfinden.

Hintergrund: Die tickende Zeitbombe im Salzstock Asse II

Um die Brisanz der aktuellen Entwicklung zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte und die Gegebenheiten der Schachtanlage Asse II unerlässlich. Das ehemalige Salzbergwerk im Landkreis Wolfenbüttel ist mehr als nur ein Lager – es ist ein Symbol für die ungelösten Probleme der Atomenergie in Deutschland.

Was lagert in der Asse?

In den 1960er und 1970er Jahren wurde die Schachtanlage als Forschungsbergwerk genutzt und dabei zur Endlagerung von radioaktiven Abfällen umfunktioniert. In dieser Zeit wurden rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll in die Hohlräume des Bergwerks eingelagert. Die Einlagerung erfolgte unter der Annahme, dass der Salzstock den Müll für immer sicher umschließen würde – eine Annahme, die sich als fataler Irrtum herausstellte.

Warum ist die Bergung so dringend?

Das Hauptproblem der Asse ist ihre Instabilität. Das Bergwerk ist geologisch nicht so stabil wie erhofft. Seit Jahren dringt Wasser in die Schachtanlage ein – aktuell etwa 12.000 Liter pro Tag. Dieses Wasser gefährdet die Standsicherheit des gesamten Grubengebäudes. Die größte Gefahr besteht darin, dass das Wasser die Einlagerungskammern mit den Atommüllfässern erreicht. Sollte dies geschehen, könnten radioaktive Stoffe aus den bereits korrodierenden Fässern ausgewaschen und in das Grundwasser gelangen. Eine solche Kontamination hätte verheerende und unumkehrbare Folgen für die Umwelt und die Trinkwasserversorgung der gesamten Region, deren Auswirkungen auch im Landkreis Gifhorn spürbar wären.

Die Kosten des Jahrhundertprojekts

Die Rückholung des Atommülls aus der Asse ist ein technologisch und finanziell beispielloses Vorhaben. Bereits im Jahr 2020 schätzte die BGE die Kosten allein für die Vorbereitungen bis zum geplanten Bergungsstart auf mehr als drei Milliarden Euro. Die Gesamtkosten des Projekts sind kaum seriös zu beziffern, dürften aber ein Vielfaches dieser Summe betragen. Diese enorme finanzielle Belastung, getragen vom Steuerzahler, macht die Verzögerung noch problematischer, da die Kosten für die Sicherungsmaßnahmen im Bergwerk weiterlaufen, ohne dass ein Ende in Sicht ist.

Was bedeutet die Verzögerung für den Landkreis Gifhorn?

Obwohl die Schachtanlage Asse II im Landkreis Wolfenbüttel liegt, sind die potenziellen Auswirkungen einer Katastrophe nicht auf Kreisgrenzen beschränkt. Für die Bewohner des Landkreises Gifhorn sind die Nachrichten aus der Asse aus mehreren Gründen von hoher Relevanz:

  • Umweltrisiken: Grundwasserströme halten sich nicht an administrative Grenzen. Eine Kontamination des Grundwassers in der Region Asse könnte sich über weite Strecken ausbreiten und auch Wasserressourcen beeinträchtigen, die für den Raum Gifhorn von Bedeutung sind.
  • Verlust von Vertrauen: Die wiederholten Verzögerungen und die mangelnde Transparenz untergraben das Vertrauen der Bevölkerung in die zuständigen Bundesbehörden. Dieses Misstrauen betrifft alle großen Infrastruktur- und Umweltprojekte und schürt eine generelle Verunsicherung.
  • Regionale Verantwortung: Die Region Südostniedersachsen ist eine eng vernetzte Gemeinschaft. Die Sorgen der Nachbarn in Wolfenbüttel und Braunschweig sind auch die Sorgen der Menschen in Gifhorn. Die Sicherheit und der Wohlstand der gesamten Region hängen von einer verantwortungsvollen Lösung für die Asse ab.

Die aktuelle Entwicklung ist somit ein Weckruf, der über die unmittelbare Umgebung der Asse hinausgeht. Es geht um die grundsätzliche Frage, wie Deutschland mit den gefährlichen Hinterlassenschaften des Atomzeitalters umgeht und ob der Staat in der Lage ist, seine Schutzverpflichtung gegenüber den Bürgern zu erfüllen.

Häufige Fragen

Warum kann man den Atommüll nicht einfach in der Asse lassen?

Ein Verbleib des Atommülls in der Asse ist keine sichere Option. Das Bergwerk ist instabil und es dringt stetig Wasser ein. Würde man die Grube fluten, wie es teilweise diskutiert wird, bestünde die Gefahr einer unkontrollierten Freisetzung von Radioaktivität ins Grundwasser, sobald die Fässer durchrosten. Die Rückholung ist die einzige Option, die eine langfristige Sicherheit für Mensch und Umwelt gewährleisten kann.

Wer ist für die Bergung des Atommülls verantwortlich?

Die Verantwortung liegt bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mbH. Sie ist eine bundeseigene Gesellschaft, die im Auftrag des Staates die Stilllegung der Asse II und die Rückholung der radioaktiven Abfälle plant und durchführen soll. Die gesetzliche Grundlage dafür ist das als „Lex Asse“ bekannte Gesetz.

Wann soll die Bergung nun beginnen?

Das ist die zentrale und aktuell unbeantwortete Frage. Die BGE hat den Zieltermin 2033 aufgegeben und bisher keinen neuen Zeitplan vorgelegt. Die Verzögerung ist auf unbestimmte Zeit, was die politische und öffentliche Kritik weiter anheizt. Es wird erwartet, dass die BGE in den kommenden Monaten oder Jahren einen neuen, realistischeren Plan präsentieren muss.

Die Verschiebung der Asse-Bergung ist mehr als nur eine technische Panne; sie ist ein politisches und gesellschaftliches Problem von enormer Tragweite. Für die Menschen in der Region, einschließlich des Landkreises Gifhorn, bedeutet dies eine Verlängerung der Unsicherheit und der Angst vor der tickenden Zeitbombe unter ihren Füßen. Es bleibt zu hoffen, dass der Druck aus Politik und Gesellschaft die Verantwortlichen dazu bewegt, schnellstmöglich einen transparenten und verlässlichen Plan für die Zukunft der Asse vorzulegen.