Der digitale Kraftakt im Praxisalltag

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sind das Rückgrat der modernen ambulanten Versorgung, doch hinter den Kulissen brodelt es. Während die Politik eine nahtlose digitale Vernetzung verspricht, kämpfen Ärztinnen und Ärzte täglich mit einer Telematikinfrastruktur (TI), die mehr administrative Last als Entlastung mit sich bringt. Die Bündelung verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach erfordert eine komplexe IT-Infrastruktur, die den Praxisalltag zunehmend dominiert.

Hintergrund: Von der Karte zum E-Rezept

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen begann schleichend mit dem Versichertenstammdatenmanagement (VSDM), bei dem Praxen seit 2019 die elektronische Gesundheitskarte (eGK) in Echtzeit prüfen. Doch der eigentliche Umbruch kam mit dem E-Rezept. Was als Effizienzsteigerung geplant war, entpuppt sich in der Praxis oft als fragmentierter Prozess: Da nicht alle Medikamente – insbesondere Betäubungsmittel – digital verordnungsfähig sind, müssen Praxen weiterhin analoge Systeme und Nadeldrucker vorhalten. Die versprochene Zeitersparnis durch die Gematik bleibt für viele Mediziner bisher ein theoretisches Konstrukt.

ePA und der Kampf gegen die Technik

Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) im Oktober 2025 wurde die nächste Stufe der Digitalisierung gezündet. Die Pflicht zur Befundübertragung in die Akte bringt neue Aufklärungspflichten mit sich – eine Aufgabe, die laut Gesetz eigentlich bei den Krankenkassen liegen sollte. In der Realität sind es die Praxen, die Patienten mühsam erklären müssen, was eine ePA überhaupt ist. Die Folge: Unverständnis auf beiden Seiten, wenn das System hakt oder Einsichtsrechte unklar sind.

Besonders zermürbend ist die Fehlerdiagnose bei Systemausfällen. Wenn die TI streikt, fehlt es an praktikablen Ausweichlösungen. Da die Patienten sich an den digitalen Komfort gewöhnt haben, erzeugt jeder Systemfehler sofortigen Unmut. Zudem ist für die Anwender oft nicht ersichtlich, ob der Fehler im eigenen Praxisverwaltungssystem (PVS), im Konnektor oder bei den zentralen Diensten liegt. Die Abhängigkeit von IT-Dienstleistern, deren Support oft schwer erreichbar ist, bindet wertvolle Ressourcen, die eigentlich für die Patientenversorgung vorgesehen wären.

Einordnung: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist unumkehrbar, doch die aktuelle Umsetzung zeigt deutliche Schwachstellen. Solange die IT-Systeme mehr Pflegeaufwand verursachen als analoge Prozesse und die Kommunikation über Patientenrechte bei den Versicherungen versagt, bleibt die digitale Transformation für MVZs ein Kraftakt. Mediziner sind keine IT-Experten – sie benötigen stabile, intuitive Werkzeuge, statt sich mit der Wartung einer fehleranfälligen Infrastruktur zu befassen. Ohne eine grundlegende Verbesserung der Usability und des Supports droht die Technik den medizinischen Fokus weiter zu untergraben.