In einem bewegenden Festakt hat die Universitätsmedizin Göttingen den Holocaust-Überlebenden Leon Weintraub mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Diese hohe Anerkennung ist nicht nur ein akademischer Titel, sondern ein tiefes Symbol für den Sieg des menschlichen Geistes über unvorstellbares Grauen und ein Zeugnis für ein Leben im Dienste der Erinnerung und Versöhnung.
Ein Meilenstein: Die feierliche Würdigung in Göttingen
Für Leon Weintraub selbst ist die Verleihung, die am Montag in Göttingen stattfand, ein „Meilenstein in meinem Leben“. An dem Ort, an dem er nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern ein neues Leben begann und sein Medizinstudium aufnahm, schließt sich nun ein Kreis. Die Universität würdigt damit „seine unerschütterliche Haltung gegenüber Leid und Ungerechtigkeit, sein medizinisches Wirken sowie sein lebenslanges Engagement für Toleranz und Menschenrechte“.
Universitäts-Präsident Axel Schölmerich drückte seine Demut aus: „Wir sind geehrt, dass Sie die Auszeichnung annehmen.“ Der Laudator Sascha Feuchert, ein Experte für Holocaust-Literatur, hob Weintraubs außergewöhnliche Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit hervor, die selbst durch die dunkelsten Kapitel der Geschichte nicht gebrochen werden konnte. „Leon Weintraubs herausragendste Eigenschaft ist sein Wille zur Mitmenschlichkeit“, so Feuchert. Seine Erfahrungen machten ihn zu einem glaubwürdigen und eindringlichen Mahner gegen Rassismus und Gewaltherrschaft. Wolfgang Brück, Vorstandssprecher der Universitätsmedizin, bezeichnete Weintraub als einen Versöhner und Brückenbauer, dessen „unerschütterliche Positivität“ beispielhaft sei.
Hintergrund: Ein Leben zwischen Grauen und Hoffnung
Um die Bedeutung dieser Ehrung vollständig zu erfassen, muss man auf das Leben von Leon Weintraub blicken – eine Biografie, die die Abgründe des 20. Jahrhunderts widerspiegelt, aber auch von einem unbändigen Überlebenswillen zeugt.
Kindheit in Łódź und der Einmarsch der Wehrmacht
Geboren am 1. Januar 1926 in Łódź, Polen, war seine Kindheit von Armut und dem frühen Verlust des Vaters geprägt. Seine Mutter versorgte ihn und seine vier älteren Schwestern allein mit einer kleinen Wäscherei. Trotz der bescheidenen Verhältnisse war Bildung für den jungen Leon ein Fenster zu einer anderen Welt. Ein Stipendium für das Gymnasium schien der Beginn einer vielversprechenden Zukunft zu sein. Doch der 1. September 1939, sein geplanter erster Schultag, markierte stattdessen den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht beendete abrupt alle Träume und stürzte seine Familie ins Verderben.
Jahre des Hungers und der Entmenschlichung
Im Februar 1940 wurde die jüdische Bevölkerung von Łódź in das Ghetto Litzmannstadt gepfercht. Auf engstem Raum litten rund 160.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen. Weintraub erinnert sich an eine Zeit der Hoffnungslosigkeit und Abstumpfung. Die prägendste Erfahrung war der allgegenwärtige, schmerzhafte Hunger. „Fünf Jahre, sieben Monate und drei Wochen habe ich mich – mit einer einzigen Ausnahme – nie satt gegessen“, berichtete er später. Dieser Zustand der ständigen Qual brannte sich tief in sein Gedächtnis ein. Mehr als 43.000 Menschen starben im Ghetto an Hunger und Krankheiten, bevor es im Sommer 1944 aufgelöst wurde.
Deportation nach Auschwitz und die letzte Begegnung
Die Auflösung des Ghettos führte zur Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Fahrt im Viehwaggon, die Stille der verängstigten Menschen und die Ankunft an der berüchtigten „Rampe“ sind Bilder, die Weintraub nie vergessen wird. Dort sah er seine Mutter zum letzten Mal. „Da wurde sie an diesem Tage direkt in der Gaskammer ums Leben gebracht“, erzählt er mit spürbarer Überwindung. Dieser Moment des endgültigen Verlusts steht exemplarisch für das Schicksal von Millionen. Eine geistesgegenwärtige Entscheidung rettete ihm das Leben: Als er eine Gruppe nackter Häftlinge sah, die für einen Arbeitseinsatz vorgesehen waren, schloss er sich ihnen kurzerhand an und entkam so der unmittelbaren Vergasung.
Der Weg zurück ins Leben: Von der Befreiung zum Medizinstudium
Nach Auschwitz durchlitt Weintraub weitere Konzentrationslager wie Groß-Rosen und Flossenbürg, wo er Zwangsarbeit und Folter ertragen musste. Bei seiner Befreiung im April 1945 war der 19-Jährige an Typhus erkrankt und wog nur noch 35 Kilogramm. Von seiner einst 80-köpfigen Großfamilie hatten nur 16 Mitglieder den Holocaust überlebt. Das Gefühl der Freiheit, so Weintraub, stellte sich erst ein, als er zufällig seine Schwestern im befreiten Lager Bergen-Belsen wiederfand.
Fest entschlossen, Arzt zu werden, erhielt er 1946 einen Studienplatz für „Displaced Persons“ an der Universität Göttingen. Er brachte sich selbst Deutsch bei und meisterte parallel die nachzuholenden Abiturprüfungen und die ersten Semester des Medizinstudiums. In Göttingen gründete er eine Familie, bevor er 1950 nach Polen zurückkehrte, um als Gynäkologe zu arbeiten. Zunehmender Antisemitismus zwang ihn 1969 zur Auswanderung nach Schweden.
Ein unermüdlicher Mahner für Toleranz und Menschlichkeit
Seit den 1990er-Jahren widmet Leon Weintraub sein Leben der Erinnerungsarbeit. Gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau reist er unermüdlich durch Europa, um als Zeitzeuge insbesondere mit jungen Menschen zu sprechen. Seine Botschaft ist klar: Er möchte die Jugend gegen die Verlockungen des Rechtsextremismus „impfen“ und sie für ihre Verantwortung sensibilisieren, damit sich eine solche Katastrophe niemals wiederholt.
- Zahlreiche Auszeichnungen: Für sein Engagement erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz und die Paracelsus-Medaille der Bundesärztekammer.
- Autobiografie: 2022 erschien seine Biografie „Die Versöhnung mit dem Bösen. Die Geschichte eines Weiterlebens.“
- Klares Bekenntnis: Weintraub betont, dass er den Mördern seiner Mutter nicht vergeben könne, aber er suche Versöhnung für die Zukunft, da gegenseitige Anklagen unerträglich seien.
Auch im hohen Alter von 98 Jahren ist seine Stimme kraftvoll und präsent. Anlässlich des Jahrestags der Novemberpogrome 2024 appellierte er im Niedersächsischen Landtag: „Bitte nehmt die Worte der Rechtsradikalen ernst. Bitte tut alles, um ihnen das Handwerk zu legen.“ Seine Warnungen vor Antisemitismus, Rassismus und Homophobie sind heute relevanter denn je.
Häufige Fragen
Warum wurde Leon Weintraub die Ehrendoktorwürde verliehen?
Die Universitätsmedizin Göttingen verlieh ihm die Ehrendoktorwürde, um sein medizinisches Wirken, seine unerschütterliche Haltung gegenüber Ungerechtigkeit und sein lebenslanges, unermüdliches Engagement für Toleranz, Menschenrechte und die Versöhnung zu würdigen.
Welche zentrale Botschaft vermittelt Leon Weintraub?
Seine zentrale Botschaft, insbesondere an junge Generationen, ist die Mahnung, aus der Geschichte zu lernen und wachsam zu bleiben. Er ruft dazu auf, einen inneren Widerstand gegen rechtsextremistische Ideologien aufzubauen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich die Gräueltaten des Nationalsozialismus niemals wiederholen.
Welche besondere Verbindung hat Leon Weintraub zu Göttingen?
Göttingen ist für Leon Weintraub der Ort seines Neuanfangs nach dem Holocaust. Hier konnte er 1946 sein Medizinstudium beginnen und den Grundstein für sein späteres Leben als Arzt legen. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde an diesem Ort schließt symbolisch einen Lebenskreis.
Die Ehrung von Leon Weintraub in Göttingen ist mehr als eine akademische Formalität. Sie ist eine Verbeugung vor einem Mann, der die tiefsten Abgründe der Menschheit durchlebt hat und dennoch seine Kraft der Versöhnung und Aufklärung widmet. Sein Leben ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass selbst aus dunkelster Asche die Hoffnung auf eine bessere, menschlichere Zukunft erwachsen kann. Seine unermüdliche Arbeit als Mahner und Brückenbauer bleibt ein Vermächtnis von unschätzbarem Wert für uns alle.

