Ein Beben des Misstrauens erschüttert die Region rund um das Atommülllager Asse II. Die Nachricht, dass die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) die geplante Bergung der 126.000 Fässer mit radioaktivem Abfall auf unbestimmte Zeit verschiebt, hat bei Umweltschützern und in der Politik für einen Aufschrei gesorgt. Was als Jahrhundertprojekt zur Sicherung der Umwelt gedacht war, steht nun unter dem Verdacht, zu einer unkalkulierbaren Zeitbombe zu werden.
Massive Kritik am Vorgehen der BGE
Die Reaktion auf die Entscheidung der BGE ließ nicht lange auf sich warten und fiel ungewöhnlich scharf aus. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Niedersachsen sprach von einem „weiteren schweren Vertrauensbruch“. Die Organisation, die den Prozess seit Jahren kritisch begleitet, äußerte die Befürchtung, dass die Rückholung des Atommülls möglicherweise gar nicht mehr ernsthaft verfolgt wird. Diese Sorge ist nicht unbegründet, denn die Verschiebung ohne einen neuen Zeitplan nährt Spekulationen über alternative, weitaus gefährlichere Szenarien.
Die Angst vor dem „Plan B“: Flutung der Asse
Im Zentrum der Kritik steht die Angst, die BGE könnte insgeheim einen „Plan B“ vorbereiten: die kontrollierte Flutung des maroden Bergwerks. Anstatt den Müll wie gesetzlich vorgeschrieben zu bergen, könnte er für immer unter Tage eingeschlossen werden. „Wir glauben inzwischen nicht mehr daran, dass die 126.000 Fässer mit radioaktivem Müll überhaupt geborgen werden sollen“, so eine deutliche Stellungnahme des BUND. Eine Flutung würde zwar kurzfristig den drohenden Einsturz des Bergwerks verhindern, jedoch ein langfristiges, unkontrollierbares Risiko für das Grundwasser schaffen.
Diese Befürchtungen werden von höchster politischer Ebene geteilt. Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) äußerte sich ebenfalls besorgt und teilte die Bedenken der Umweltschützer. Die Einigkeit zwischen Umweltverbänden und Landesregierung sendet ein starkes Signal an die BGE und den Bund: Die Region fühlt sich getäuscht und fordert Antworten.
Hintergrund: Ein marodes Bergwerk und ein Jahrhundertversprechen
Um die aktuelle Eskalation zu verstehen, muss man die Geschichte der Asse II kennen. Das ehemalige Salzbergwerk im Landkreis Wolfenbüttel, unweit der Grenze zum Landkreis Gifhorn, ist ein problematisches Erbe der frühen Atom-Ära in Deutschland. Es ist ein Symbol für den naiven Umgang mit hochgefährlichen Abfällen und für gebrochene politische Versprechen.
Vom Forschungsbergwerk zur Atommüllkippe
Zwischen 1967 und 1978 wurden in der Schachtanlage Asse II offiziell zu „Forschungszwecken“ rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll eingelagert. Damals versicherte man der Öffentlichkeit, die Lagerung im Salz sei für die Ewigkeit sicher. Doch diese Annahme erwies sich als fataler Irrtum. Die Fakten heute zeichnen ein düsteres Bild:
- Instabilität: Das Grubengebäude ist marode und einsturzgefährdet.
- Wassereinbruch: Täglich dringen rund 12.000 Liter Wasser in die Schachtanlage ein. Dieses Wasser, eine Salzlauge, könnte mit den radioaktiven Stoffen in Kontakt kommen, die Fässer durch Korrosion zerstören und radioaktive Isotope freisetzen.
- Gefahr für das Grundwasser: Die größte Sorge ist, dass diese kontaminierte Lauge unkontrolliert in die Biosphäre und das Grundwasser gelangen könnte, was eine ökologische Katastrophe für die gesamte Region bedeuten würde.
Der „Lex Asse“: Ein gesetzliches Versprechen
Angesichts dieser wachsenden Gefahren beschloss der Deutsche Bundestag 2013 ein eigenes Gesetz, die sogenannte „Lex Asse“. Dieses Gesetz legt unmissverständlich fest, dass die Rückholung des Atommülls die zu bevorzugende Option ist. Die Stilllegung durch Flutung ist nur dann eine Alternative, wenn die Bergung technisch unmöglich oder sicherheitstechnisch nicht zu verantworten ist. Der Beginn der Bergung war ursprünglich für das Jahr 2033 anvisiert. Die jetzige Verschiebung auf unbestimmte Zeit stellt dieses gesetzliche Versprechen und den politischen Willen dahinter fundamental infrage.
Die Zukunft der Asse: Zwischen technischer Herausforderung und politischem Willen
Die BGE argumentiert, dass die Komplexität des Vorhabens eine Neubewertung des Zeitplans erfordere. Die Bergung des Atommülls aus einem instabilen Salzbergwerk in über 700 Metern Tiefe ist in der Tat eine weltweit einzigartige technische und logistische Herausforderung. Es müssen ein separates Bergungsschacht und eine Anlage zur Behandlung und Verpackung des Mülls errichtet werden – ein Milliardenprojekt mit vielen Unbekannten.
Dennoch wirft die Kommunikation der BGE Fragen auf. Anstatt einen neuen, realistischen Zeitplan vorzulegen, wurde das Projekt auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Besonders brisant: Für Dienstag hat die BGE zu einer Bürgerinformationsveranstaltung in Remlingen (Landkreis Wolfenbüttel) eingeladen. Thema des Abends sind die Konsequenzen eines möglichen Verbleibs des Atommülls in der Asse. Für viele Kritiker ist dies der klare Beweis, dass die Aufgabe der Rückholung bereits vorbereitet wird.
Was bedeutet das für den Landkreis Gifhorn?
Auch wenn das Atommülllager Asse II im benachbarten Landkreis Wolfenbüttel liegt, sind die potenziellen Auswirkungen keineswegs auf diesen beschränkt. Grundwasserströme und geologische Verbindungen machen vor Verwaltungsgrenzen nicht halt. Eine Kontamination des tiefen Grundwassers könnte weitreichende Folgen für die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft in der gesamten Region haben, einschließlich des Landkreises Gifhorn.
Die Sorge um die Sicherheit der Asse ist daher eine regionale Verantwortung. Die Entwicklungen müssen von den Bürgern und politischen Vertretern in Gifhorn genau beobachtet werden. Die Forderung nach einer sicheren und transparenten Lösung für die Asse ist auch eine Forderung zum Schutz der eigenen Lebensgrundlagen. Die Solidarität innerhalb der Region ist entscheidend, um den Druck auf die Verantwortlichen in Berlin aufrechtzuerhalten.
Häufige Fragen
Warum muss der Atommüll aus der Asse überhaupt geborgen werden?
Die Bergung ist notwendig, weil das ehemalige Salzbergwerk instabil ist und täglich Wasser eindringt. Es besteht die Gefahr, dass die Fässer mit dem Atommüll durchrosten und radioaktive Stoffe ins Grundwasser gelangen. Ein spezielles Gesetz, die „Lex Asse“, schreibt die Rückholung als sicherste Option vor, um eine langfristige Umweltkatastrophe zu verhindern.
Was sind die größten Risiken, wenn der Müll in der Asse bleibt?
Das größte Risiko ist die unkontrollierbare Kontamination des Grundwassers. Wenn das Bergwerk vollläuft und die radioaktive Fracht freigesetzt wird, könnten Schadstoffe in die Biosphäre gelangen. Dies hätte verheerende und unumkehrbare Folgen für die Umwelt, die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung in der gesamten Region für kommende Generationen.
Wie wahrscheinlich ist eine Flutung der Asse wirklich?
Offiziell bleibt die Rückholung das erklärte Ziel der BGE und des Bundes. Die jetzige Verschiebung auf unbestimmte Zeit und die öffentliche Diskussion über die Folgen eines Verbleibs des Mülls haben jedoch die Befürchtungen massiv verstärkt, dass die Flutung als kostengünstigere und technisch einfachere Alternative ernsthaft in Erwägung gezogen wird. Kritiker sehen darin einen Wortbruch und eine Kapitulation vor der Aufgabe.
Die kommenden Wochen werden entscheidend sein. Die BGE steht unter enormem Druck, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und einen klaren, verlässlichen Fahrplan für die Zukunft der Asse vorzulegen. Für die Menschen in der Region, auch im Landkreis Gifhorn, geht es um nichts Geringeres als den Schutz ihrer Heimat und die Sicherheit zukünftiger Generationen. Die Augen sind nun auf die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung gerichtet, die ihr Versprechen einer sicheren Lösung einlösen müssen.

