Der Frühling hält Einzug im Landkreis Gifhorn, die Tage werden länger und die Temperaturen klettern nach oben. Nach einem außergewöhnlich strengen Winter mit viel Schnee und langanhaltendem Frost zieht es die Menschen wieder nach draußen in die erwachende Natur. Doch während wir die ersten warmen Sonnenstrahlen genießen, lauert im hohen Gras und Unterholz eine oft unterschätzte Gefahr: die Zecke. Viele hegten die Hoffnung, der harte Winter könnte die Population der kleinen Spinnentiere dezimiert haben – eine Annahme, die Experten nun entschieden zurückweisen.
Falsche Sicherheit nach dem Frost: Ein gefährlicher Irrglaube
Die landläufige Meinung, dass ein Winter mit tiefen Minusgraden und einer dicken Schneedecke den Zecken den Garaus macht, ist leider ein Mythos. Tatsächlich sind die kleinen Blutsauger weitaus widerstandsfähiger, als viele annehmen. Lamin Neffati, Pressesprecher des NABU Niedersachsen, stellt klar, dass die Erwartung einer geringeren Zeckenbelastung in diesem Jahr kaum erfüllt werden dürfte. Die Realität sieht anders aus: Zecken sind Überlebenskünstler und haben effektive Strategien entwickelt, um die kalte Jahreszeit unbeschadet zu überstehen.
Sie ziehen sich bei Kälte in den Boden, unter Laubschichten oder in dichte Vegetation zurück. Eine dicke Schneedecke, wie wir sie im Winter 2025/2026 auch in der Region Gifhorn erlebt haben, wirkt dabei sogar wie eine isolierende Schutzschicht, die die Tiere vor dem Erfrieren bewahrt. Ein einzelner strenger Winter reicht daher bei Weitem nicht aus, um die Population spürbar zu reduzieren. Experten beobachten bereits jetzt, mit den ersten Tagen über sieben Grad Celsius, eine zunehmende Aktivität der Parasiten. Mit den angekündigten Temperaturen um 15 Grad wird ein rasanter Anstieg erwartet.
Hintergrund: Ein Winter der Extreme und seine unerwarteten Folgen
Der vergangene Winter wird vielen im Landkreis Gifhorn in Erinnerung bleiben. Wochenlanger Frost und für unsere Region ungewöhnlich große Schneemengen prägten das Bild von der Südheide bis zum Drömling. Während dies für winterliche Freuden sorgte, schuf es für die Tier- und Pflanzenwelt besondere Bedingungen. Für die Zeckenpopulation bedeutete dies jedoch keinen Rückschlag, sondern eher eine geschützte Überwinterungsphase.
Die kleinen Spinnentiere, darunter der Gemeine Holzbock, sind perfekt an unser Klima angepasst. Sie fallen in eine Art Kältestarre und überdauern Monate ohne Nahrung. Sobald die Bodentemperatur ansteigt, erwachen sie und begeben sich auf die Suche nach einem Wirt. Diese Widerstandsfähigkeit betrifft nicht nur heimische Arten, sondern auch eingeschleppte Zecken, die zunehmend zur Verbreitung gefährlicher Krankheiten wie der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) beitragen.
Steigende Gefahr: FSME und Borreliose auf dem Vormarsch in Niedersachsen
Die größte Sorge bereitet Experten nicht die Anzahl der Zecken an sich, sondern das wachsende Risiko von durch sie übertragenen Krankheiten. Insbesondere die Infektionszahlen mit dem FSME-Virus sind in den letzten Jahren deutschlandweit dramatisch angestiegen. Berichten zufolge haben sich die Fallzahlen im Vergleich zu früheren Jahren teils verfünf- bis versiebenfacht, wobei das Jahr 2025 bereits als Rekordjahr für FSME-Erkrankungen gilt.
FSME: Mehr als nur ein Risiko des Südens
Lange galt FSME als ein Problem, das primär Süddeutschland betraf. Diese Einschätzung ist überholt. Das Robert Koch-Institut (RKI) weist immer mehr Risikogebiete aus, die sich stetig nach Norden ausbreiten. Im Jahr 2021 wurde der Landkreis Emsland als erstes niedersächsisches FSME-Risikogebiet eingestuft. Auch wenn der Landkreis Gifhorn noch nicht offiziell dazu zählt, zeigt dieser Trend eine klare Entwicklung: Die Gefahr rückt näher. FSME ist eine ernstzunehmende Viruserkrankung, die zu einer Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute führen kann und in schweren Fällen bleibende neurologische Schäden hinterlässt. Gegen FSME gibt es eine wirksame Schutzimpfung.
Borreliose: Die häufigste Gefahr im Norden
Weitaus häufiger als FSME wird in unserer Region die Lyme-Borreliose diagnostiziert. Im Gegensatz zur FSME wird diese Krankheit durch Bakterien verursacht. Ein typisches erstes Anzeichen kann die sogenannte Wanderröte sein – eine ringförmige Hautrötung, die sich Tage bis Wochen nach dem Biss um die Einstichstelle bildet. Wird Borreliose frühzeitig erkannt, ist sie gut mit Antibiotika behandelbar. Unbehandelt kann sie jedoch zu chronischen Gelenk-, Nerven- und Herzproblemen führen. Gegen Borreliose existiert keine Impfung, weshalb Vorsorge und schnelles Handeln entscheidend sind.
Effektiver Schutz: So wappnen Sie sich für die Zeckensaison in Gifhorn
Da die Hoffnung auf eine von Natur aus reduzierte Zeckenpopulation unbegründet ist, rückt der persönliche Schutz in den Mittelpunkt. Ob beim Spaziergang mit dem Hund entlang der Ise, bei einer Radtour zum Tankumsee oder einer Wanderung durch die Südheide – Vorsicht ist geboten. Mit einfachen Maßnahmen lässt sich das Risiko eines Zeckenbisses und einer damit verbundenen Infektion erheblich senken.
- Die richtige Kleidung: Tragen Sie lange, geschlossene Kleidung. Stecken Sie die Hosenbeine in die Socken, um den Zecken den Zugang zur Haut zu erschweren. Helle Kleidung hilft dabei, die dunklen Tiere schneller zu entdecken.
- Schutzmittel verwenden: Sogenannte Repellents, die auf Haut und Kleidung aufgetragen werden, können Zecken für mehrere Stunden fernhalten. Lassen Sie sich in der Apotheke beraten, welches Mittel für Sie geeignet ist.
- Wege nicht verlassen: Zecken lauern vor allem im hohen Gras, im Gebüsch und im Unterholz. Bleiben Sie bei Ausflügen möglichst auf befestigten Wegen.
- Gründliches Absuchen: Suchen Sie Ihren gesamten Körper nach jedem Aufenthalt in der Natur sorgfältig ab. Besondere Aufmerksamkeit gilt warmen, feuchten Körperstellen wie Kniekehlen, Achselhöhlen, dem Leisten- und Genitalbereich sowie dem Haaransatz.
- Haustiere kontrollieren: Hunde und Katzen sind beliebte Wirte für Zecken und können diese ins Haus tragen. Kontrollieren und schützen Sie auch Ihre vierbeinigen Begleiter.
- Schnelles und richtiges Entfernen: Sollten Sie eine Zecke entdecken, entfernen Sie diese so schnell wie möglich mit einer Zeckenkarte, einer Zeckenzange oder einer feinen Pinzette. Greifen Sie die Zecke so nah wie möglich an der Haut und ziehen Sie sie langsam und gerade heraus. Desinfizieren Sie die Bissstelle anschließend.
Häufige Fragen
Reicht ein harter Winter wirklich nicht aus, um Zecken zu reduzieren?
Nein, ein einzelner strenger Winter ist leider nicht ausreichend. Zecken sind extrem widerstandsfähig und suchen Schutz im Boden oder unter Laub. Eine dicke Schneedecke wirkt sogar isolierend und schützt sie vor dem Erfrieren. Für eine nachhaltige Reduzierung der Population wären mehrere aufeinanderfolgende, extrem kalte und schneearme Winter notwendig.
Sollte ich mich gegen FSME impfen lassen, auch wenn ich in Gifhorn lebe?
Obwohl der Landkreis Gifhorn derzeit kein offizielles FSME-Risikogebiet ist, breitet sich das Virus nach Norden aus. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung für Personen, die in Risikogebieten leben oder dorthin reisen und sich viel in der Natur aufhalten. Eine Impfung kann auch für Personen in angrenzenden Regionen sinnvoll sein. Ein Gespräch mit dem Hausarzt hilft, das individuelle Risiko abzuwägen und eine fundierte Entscheidung zu treffen.
Was ist der Unterschied zwischen Borreliose und FSME?
Borreliose ist eine bakterielle Infektion, die mit Antibiotika behandelt werden kann. Ein bekanntes Symptom ist die „Wanderröte“. FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) ist hingegen eine Viruserkrankung, die das zentrale Nervensystem befallen kann. Gegen FSME gibt es eine Schutzimpfung, aber keine spezifische medikamentöse Therapie nach einer Infektion.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zeckensaison 2026 im Landkreis Gifhorn besondere Vorsicht erfordert. Der harte Winter hat die Gefahr nicht gebannt, sondern die Blutsauger lediglich in eine kurze Pause geschickt. Angesichts der bundesweit steigenden FSME-Fälle ist es wichtiger denn je, sich aktiv zu schützen. Wer die Natur in unserer schönen Region genießen möchte, sollte die einfachen, aber wirksamen Schutzmaßnahmen beherzigen, um gesund durch den Frühling und Sommer zu kommen.

