Ein Moment der Erleichterung in einem jahrzehntelangen Drama: Im maroden Atommülllager Asse II im benachbarten Landkreis Wolfenbüttel ist es Bergleuten gelungen, einen unkontrollierten Wasserfluss vorläufig zu stoppen. Diese Entwicklung verschafft den Verantwortlichen eine wichtige Atempause, denn die Sorge war groß, das Wasser könnte die eingelagerten Fässer mit radioaktivem Abfall erreichen und zu einer unkontrollierbaren Kontamination führen.
Aktuelle Lage im Bergwerk: Ein provisorischer Erfolg
Die Betreibergesellschaft, die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), stand seit einiger Zeit vor einem wachsenden Problem. Salzwasser, das stetig in das ehemalige Bergwerk eindringt, floss an einer speziell eingerichteten Auffangstelle vorbei. Die Befürchtung: Das Wasser sucht sich neue, unbekannte Wege durch das Salzgestein und könnte so in direkte Nähe zu den eingelagerten Atommüllfässern gelangen. Dies hätte katastrophale Folgen, da die Lauge die Metallfässer zersetzen und radioaktive Stoffe freisetzen könnte.
Nach intensiver Suche entdeckten die Bergleute eine bisher unbekannte Kluft im Gestein, durch die das Wasser seinen Weg fand. In einem aufwendigen Einsatz unter Tage wurde diese Stelle nun freigelegt. Laut BGE konnte eine provisorische Ableitung installiert werden, die das Wasser nun wieder in das zentrale Auffangsystem einspeist. Ersten Beobachtungen zufolge kommt unterhalb dieser neuen Maßnahme kein Wasser mehr an – ein entscheidender Teilerfolg. Dennoch mahnen die Experten zur Vorsicht: Eine endgültige und belastbare Aussage über die Wirksamkeit dieser Lösung könne erst in einigen Wochen getroffen werden, wenn Langzeitmessungen vorliegen.
Hintergrund: Die tickende Zeitbombe Asse II
Um die aktuelle Situation zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte des Bergwerks unerlässlich. Die Schachtanlage Asse II ist mehr als nur ein Lager; sie ist ein Symbol für die ungelösten Probleme der Atomenergie in Deutschland und eine ständige Sorge für die gesamte Region, einschließlich des Landkreises Gifhorn.
Vom Forschungsbergwerk zum Problemfall
Ursprünglich ein Salzbergwerk, wurde die Asse in den 1960er und 1970er Jahren als „Forschungsendlager“ für schwach- und mittelradioaktive Abfälle genutzt. Zwischen 1967 und 1978 wurden hier rund 126.000 Fässer und Gebinde mit Atommüll eingelagert. Die damalige Annahme, das Salzgestein sei trocken und stabil und würde den Müll sicher für die Ewigkeit umschließen, erwies sich als fataler Irrtum.
- Art des Abfalls: Der Müll stammt aus Kernkraftwerken, Forschungseinrichtungen und der Industrie.
- Geologische Instabilität: Schon seit 1988 ist bekannt, dass Wasser in das Bergwerk eindringt. Täglich fließen rund 12.000 Liter Salzlauge in die Grube, die aufgefangen und abgepumpt werden müssen.
- Fehlende Langzeitsicherheit: Das Bergwerk wurde nach Bergrecht und nicht nach Atomrecht genehmigt, was geringere Sicherheitsanforderungen bedeutete. Ein Nachweis der Langzeitsicherheit, wie er heute für Endlager gefordert wird, wurde nie erbracht.
Die ständige Wasserzufuhr destabilisiert den Salzstock zusätzlich und erhöht die Gefahr eines unkontrollierten Absaufens der Grube. Dies führte zur politischen Entscheidung, dass die Asse nicht mehr stabilisiert und versiegelt werden kann. Mit dem als „Lex Asse“ bekannten Gesetz wurde 2013 die schnellstmögliche Rückholung der radioaktiven Abfälle beschlossen – ein weltweit einmaliges und technisch extrem anspruchsvolles Unterfangen.
Die Jahrhundertaufgabe: Rückholung des Atommülls
Die Stilllegung und Sanierung der Asse ist eines der komplexesten Umweltprojekte in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Rückholung des Atommülls ist eine Aufgabe, die Generationen beschäftigen und Milliarden von Euro kosten wird.
Der Plan der BGE
Die BGE arbeitet an einem detaillierten Plan zur Bergung der Abfälle. Dieser umfasst mehrere monumentale Schritte. Zunächst muss das Bergwerk weiter stabilisiert werden, um einen sicheren Betrieb während der Rückholung zu gewährleisten. Parallel dazu wird ein neuer Schacht (Schacht 5) abgeteuft, der als Hauptzugang für die Bergungsarbeiten dienen soll. Über diesen Schacht sollen die Fässer an die Oberfläche gebracht werden.
An der Oberfläche müssen eine Empfangsanlage und eine sogenannte Konditionierungsanlage errichtet werden. Dort werden die teilweise stark beschädigten Fässer sicher verpackt und für den Transport in ein Zwischenlager vorbereitet. Wo dieses Zwischenlager entstehen wird, ist noch unklar und Gegenstand intensiver politischer Debatten.
Zeitplan und Kosten
Der Zeitplan für dieses Mammutprojekt ist lang. Aktuelle Planungen der BGE sehen den Beginn der eigentlichen Rückholung nicht vor dem Jahr 2033 vor. Das gesamte Projekt wird sich voraussichtlich bis weit in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts erstrecken. Die Kosten sind immens und werden auf einen hohen einstelligen oder sogar zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt, der von den Steuerzahlern getragen wird.
Relevanz für den Landkreis Gifhorn
Obwohl das Atommülllager Asse im Landkreis Wolfenbüttel liegt, sind die Auswirkungen und potenziellen Gefahren für die Bewohner des Landkreises Gifhorn von unmittelbarer Bedeutung. Die geografische Nähe – die südliche Kreisgrenze Gifhorns ist nur wenige Dutzend Kilometer entfernt – schafft eine Schicksalsgemeinschaft.
Die größte Sorge ist die potenzielle Kontamination des Grundwassers. Grundwasserströme halten sich nicht an Verwaltungsgrenzen. Sollte es in der Asse zu einer unkontrollierten Freisetzung von Radionukliden kommen, könnten diese über geologische Schichten auch Wasserressourcen in der weiteren Umgebung beeinträchtigen. Die Sicherung der Trinkwasserqualität hat daher für die gesamte Region höchste Priorität.
Darüber hinaus ist die Asse ein ständiges Thema in der Regional- und Landespolitik. Entscheidungen über die Finanzierung, den Standort eines Zwischenlagers und die Sicherheitsmaßnahmen betreffen alle Bürger Niedersachsens, auch die im Landkreis Gifhorn. Die enorme finanzielle Belastung des Projekts hat Auswirkungen auf den Bundeshaushalt und somit indirekt auf alle Steuerzahler.
Häufige Fragen
Wie akut ist die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung für die Region?
Nach Einschätzung der BGE und der zuständigen Aufsichtsbehörden besteht derzeit keine akute Gefahr für die Bevölkerung. Das eindringende Wasser wird systematisch aufgefangen und überwacht. Der jetzige Erfolg, das Leck zu kanalisieren, stabilisiert die Lage weiter. Die langfristige Gefahr besteht jedoch in der Instabilität des Bergwerks, weshalb die Rückholung des Mülls als alternativlos gilt, um eine zukünftige Katastrophe zu verhindern.
Warum wird der Müll nicht einfach im Bergwerk belassen und die Grube versiegelt?
Dieser Plan wurde lange verfolgt, aber aufgegeben. Gutachten haben gezeigt, dass aufgrund der geologischen Instabilität und der stetigen Wasserzuflüsse die Langzeitsicherheit bei einem Verbleib des Mülls in der Grube nicht garantiert werden kann. Das Risiko eines unkontrollierten Absaufens und der Freisetzung von Radioaktivität in die Biosphäre wurde als zu hoch eingestuft. Deshalb hat der Gesetzgeber die Rückholung angeordnet.
Wann beginnt die eigentliche Bergung der Atommüllfässer?
Der eigentliche Start der Rückholung der Fässer aus den Einlagerungskammern wird derzeit für das Jahr 2033 anvisiert. Dieser Termin ist jedoch von vielen Faktoren abhängig, darunter dem erfolgreichen und pünktlichen Bau des neuen Bergungsschachtes und der Anlagen an der Oberfläche. Die Vorbereitungsarbeiten, wie die Erkundung und Stabilisierung des Bergwerks, laufen bereits auf Hochtouren.
Der jüngste Erfolg der Bergleute in der Asse ist ein wichtiges, aber kleines Puzzleteil in einem riesigen und komplexen Gesamtbild. Er zeigt die tägliche Anstrengung, die unternommen wird, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig macht er erneut deutlich, wie fragil die Sicherheit des Lagers ist und wie dringend die Jahrhundertaufgabe der Müllbergung vorangetrieben werden muss. Für die Menschen in der Region Braunschweig-Wolfenbüttel und damit auch im Landkreis Gifhorn bleibt die Asse eine Mahnung und eine Verpflichtung, die genau beobachtet werden muss.

