Die Temperaturen steigen, die Natur im Landkreis Gifhorn erwacht – und mit ihr eine unscheinbare, aber ernstzunehmende Gefahr: die Zecke. Nach einem außergewöhnlich milden Winter warnen Experten vor einer besonders intensiven Saison. Ein erster gemeldeter Fall von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in Baden-Württemberg dient als dringender Weckruf für das gesamte Bundesgebiet und mahnt auch in unserer Region zur Vorsicht.

Ein früher Start mit ernsten Folgen: Der erste FSME-Fall des Jahres

Die Nachricht aus dem Süden Deutschlands lässt aufhorchen. Das Landesgesundheitsamt in Stuttgart hat den ersten offiziellen FSME-Fall für das Jahr 2024 registriert. Betroffen ist ein Patient im Ostalbkreis. Dieser Vorfall markiert den Beginn dessen, was Experten als eine potenziell rekordverdächtige Saison für von Zecken übertragene Krankheiten befürchten. Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) appellierte umgehend an die Bevölkerung, den Impfschutz ernst zu nehmen: „FSME kann jeden treffen, aber niemand ist schutzlos“, betonte er. Die Impfung sei der effektivste Weg, sich vor den schweren neurologischen Folgen der Krankheit zu schützen.

Die Zahlen aus dem Vorjahr unterstreichen die Dringlichkeit. In Baden-Württemberg allein wurden 260 FSME-Erkrankungen gemeldet, der vierthöchste Wert seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001. Besorgniserregend ist dabei die geringe Impfquote: Laut Ministerium waren 2024 nur etwa 17 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen FSME geimpft. Für einen kompletten Schutz sind drei Impfdosen erforderlich. Wer jetzt mit der Grundimmunisierung beginnt, kann noch vor der Hauptaktivitätszeit der Zecken im Hochsommer einen vollen Schutz aufbauen.

Hintergrund

Die wachsende Bedrohung durch Zecken ist kein Zufall, sondern das Ergebnis tiefgreifender ökologischer Veränderungen. Zwei Faktoren spielen hierbei eine entscheidende Rolle: der Klimawandel und die Anpassungsfähigkeit der kleinen Spinnentiere.

Der Klimawandel als Brandbeschleuniger

Die steigenden Durchschnittstemperaturen und die milden Winter sind der Hauptgrund für die veränderte Zeckensituation. „Zecken sind inzwischen ganzjährig aktiv“, erklärt Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie an der Universität Hohenheim. Früher war die Aktivität der Parasiten auf die wärmeren Monate beschränkt. Heute finden sie auch im Winter oft Bedingungen vor, die ihr Überleben sichern. Dies führt nicht nur zu einer längeren Saison, sondern auch zu einer geografischen Ausbreitung. Zecken erobern zunehmend auch kühle Berglagen und breiten sich in Regionen aus, die bisher als sicher galten. Diese Entwicklung erhöht zwangsläufig das Risiko für Menschen, mit Krankheitserregern in Kontakt zu kommen.

Was genau ist FSME?

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis ist eine Viruserkrankung, die das zentrale Nervensystem angreift. Nach einem Zeckenstich können die Viren ins Blut gelangen und grippeähnliche Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen und Gliederschmerzen auslösen. Bei einem Teil der Infizierten kommt es nach einer kurzen Phase der Besserung zu einer zweiten Krankheitsphase. Hierbei kann es zu einer Entzündung der Hirnhaut (Meningitis), des Gehirns (Enzephalitis) oder des Rückenmarks (Myelitis) kommen. Mögliche Langzeitfolgen sind Lähmungen, Konzentrationsstörungen und anhaltende Kopfschmerzen. Im Gegensatz zur ebenfalls von Zecken übertragenen Borreliose, die bakteriell bedingt ist und mit Antibiotika behandelt werden kann, gibt es für eine bestehende FSME-Erkrankung keine ursächliche Therapie – nur die Symptome können gelindert werden. Umso wichtiger ist die präventive Schutzimpfung.

Die Lage im Landkreis Gifhorn: Keine Panik, aber erhöhte Wachsamkeit

Für die Bewohner des Landkreises Gifhorn stellt sich die Frage: Wie hoch ist die Gefahr direkt vor unserer Haustür? Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) gehört der Landkreis Gifhorn derzeit nicht zu den offiziell ausgewiesenen FSME-Risikogebieten. Das ist zunächst eine gute Nachricht. Es bedeutet jedoch nicht, dass hier keine Gefahr besteht. Zecken und die von ihnen getragenen Viren kennen keine Verwaltungsgrenzen. Die Risikogebiete in Deutschland weiten sich kontinuierlich aus, und auch in Nicht-Risikogebieten werden immer wieder einzelne FSME-Fälle registriert.

Ob bei einem Spaziergang im Schlosswald, einer Radtour durch die Südheide oder beim Spielen am Tankumsee – überall dort, wo es hohes Gras, Büsche und Unterholz gibt, können Zecken lauern. Die Nähe zu ausgewiesenen Risikogebieten wie dem Emsland zeigt, dass das Virus in Norddeutschland präsent ist. Daher gilt auch für uns in der Region Gifhorn: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Jeder, der sich gerne in der Natur aufhält, sollte die grundlegenden Schutzmaßnahmen kennen und anwenden.

So schützen Sie sich und Ihre Familie wirksam

Ein bewusster Umgang mit der Natur und einige einfache Verhaltensregeln können das Risiko eines Zeckenstichs und einer damit verbundenen Infektion erheblich reduzieren.

Prävention im Alltag

  • Richtige Kleidung: Tragen Sie bei Ausflügen ins Grüne lange, helle Kleidung. Auf heller Kleidung sind die dunklen Zecken leichter zu erkennen. Stecken Sie die Hosenbeine in die Socken, um den Tieren den Zugang zur Haut zu erschweren.
  • Insektenschutzmittel: Verwenden Sie Repellents, also Mückenschutzmittel, die auch gegen Zecken wirken. Tragen Sie diese auf unbedeckte Hautstellen auf. Beachten Sie die Wirkungsdauer des jeweiligen Produkts.
  • Wege nicht verlassen: Bleiben Sie auf befestigten Wegen und meiden Sie hohes Gras, Gebüsch und Unterholz, die bevorzugten Lebensräume von Zecken.
  • Gründliches Absuchen: Suchen Sie Ihren gesamten Körper nach jedem Aufenthalt im Freien sorgfältig nach Zecken ab. Bevorzugte Stichstellen sind warme, dünne Hautpartien wie Kniekehlen, Achselhöhlen, der Haaransatz und der Intimbereich.

Wenn die Zecke bereits zugestochen hat

Sollten Sie eine Zecke entdecken, entfernen Sie diese so schnell wie möglich. Nutzen Sie dafür eine spezielle Zeckenzange, eine Zeckenkarte oder eine feine Pinzette. Greifen Sie die Zecke so nah wie möglich an der Haut und ziehen Sie sie langsam und gerade heraus. Desinfizieren Sie die Stichstelle anschließend. Beobachten Sie die Stelle in den folgenden Wochen. Bei einer ringförmigen Rötung (Wanderröte) oder grippeähnlichen Symptomen sollten Sie umgehend einen Arzt aufsuchen.

Häufige Fragen

Ist jeder Zeckenstich gefährlich?

Nein, nicht jeder Stich führt zu einer Krankheit. Nur ein kleiner Teil der Zecken trägt FSME-Viren oder Borreliose-Bakterien in sich. Zudem wird nicht bei jedem Stich der Erreger übertragen. Dennoch sollte jeder Stich ernst genommen und die Zecke schnellstmöglich entfernt werden, um das Risiko zu minimieren.

Woher weiß ich, ob ich mich gegen FSME impfen lassen sollte?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die FSME-Impfung für alle Personen, die in FSME-Risikogebieten leben oder dorthin reisen und sich viel in der Natur aufhalten. Auch wenn Gifhorn kein Risikogebiet ist, kann eine Impfung für Personen sinnvoll sein, die beispielsweise regelmäßig Urlaub in Süddeutschland oder Österreich machen. Sprechen Sie am besten mit Ihrem Hausarzt über Ihre persönliche Risikobewertung.

Schützt die FSME-Impfung auch vor Borreliose?

Nein, das ist ein wichtiger Punkt. Die Impfung schützt ausschließlich vor der durch Viren ausgelösten Frühsommer-Meningoenzephalitis. Gegen die bakteriell verursachte Lyme-Borreliose gibt es keine Impfung. Hier ist die beste Vorbeugung das Vermeiden von Stichen und das schnelle Entfernen von Zecken, da die Borrelien-Bakterien meist erst nach mehreren Stunden Saugzeit übertragen werden.

Die Zeckensaison 2024 hat früh begonnen und erfordert unsere volle Aufmerksamkeit. Auch wenn der Landkreis Gifhorn nicht zu den Hotspots zählt, macht die zunehmende Ausbreitung der Parasiten und der von ihnen übertragenen Krankheiten deutlich, dass Wachsamkeit und Prävention unerlässlich sind. Indem wir uns über die Risiken informieren und einfache Schutzmaßnahmen ergreifen, können wir die vielfältige Natur unserer Heimat weiterhin sicher genießen.