Die Situation in der berüchtigten Problemimmobilie an der Groner Landstraße 9 in Göttingen spitzt sich immer weiter zu. Obwohl Investoren und offizielle Stellen vollmundig versprochen hatten, das Gebäude nachhaltig zu modernisieren und ein lebenswertes Quartier zu schaffen, herrscht bei den verbliebenen Mieterinnen und Mietern tiefe Verzweiflung. Die Berichte aus dem Wohnblock zeichnen ein düsteres Bild von mangelnder Instandhaltung, fehlender Grundversorgung und ungelösten sozialen Konflikten, die nicht nur die unmittelbare Nachbarschaft, sondern ganz Niedersachsen beschäftigen.
Ein Alltag ohne Warmwasser und Heizung
Besonders hart trifft der Zustand des Gebäudes Familien mit kleinen Kindern. Calina Farcas-Moldovan, eine junge Mutter, die mit ihren Kindern auf engstem Raum in einer Zweizimmerwohnung lebt, schildert den alltäglichen Überlebenskampf: Die zentrale Heizungsanlage ist bereits seit mehr als einem Jahr komplett außer Betrieb. Neben den ohnehin schon kühlen Temperaturen kommt nun ein weiteres drastisches Problem hinzu – seit rund sechs Wochen fließt auch kein Warmwasser mehr aus den Hähnen. Um die elementarsten Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen, müssen die Bewohner auf behelfsmäßige Methoden wie Wasserkocher und Waschlappen zurückgreifen. Zum Wärmen der Räume dienen lediglich elektrische Radiatoren, die den Stromverbrauch in die Höhe treiben.
Die Ursache für den Warmwasser-Stopp liegt bei den Energieversorgern. Wie ein Sprecher der Stadtwerke mitteilte, wurden über Jahre hinweg keine Rechnungen beglichen. Auch intensive Versuche einer Stundung blieben ohne Erfolg. Eine vom Rat der Stadt im September geforderte Frist, in der zumindest der laufende Betrieb hätte abgesichert werden sollen, verstrich am Donnerstag, ohne dass eine tragfähige Lösung präsentiert werden konnte. Ähnliche wohnungspolitische und soziale Härtefälle kennen wir in der Region auch aus anderen Bereichen, wie ein Blick auf die anhaltenden Debatten rund um Kitas am Limit zeigt, wo die Belastungsgrenzen im Alltag ebenfalls dramatisch überschritten sind.
Hintergrund: Große Versprechen und die Realität vor Ort
Die aktuellen Missstände werfen die Frage auf, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Noch im vergangenen Winter schien es einen Lichtblick zu geben, als die Hamburger Sivius GmbH als neuer Investor die Mehrheit der rund 430 Wohnungen von einem insolventen Voreigentümer übernahm. Die damalige Ankweisung klang vielversprechend: Die Bewohnerschaft sollte im Gebäude verbleiben können, während eine schrittweise Strangsanierung von Block zu Block erfolgen sollte. Doch nun, rund neun Monate nach diesem Einstieg, ist von den großen Visionen wenig übrig geblieben.
Die Probleme in dem Gebäudekomplex sind vielschichtig und belasten sowohl die Verwaltung als auch die dort lebenden Menschen enorm:
- Fehlende Infrastruktur: Weder Heizung noch Warmwasser funktionieren zuverlässig oder sind gänzlich abgestellt.
- Sicherheitsdefizite: Ein temporär eingesetzter Sicherheitsdienst wurde wieder abgezogen, nachdem stattdessen einige Bewohner zu „Ordnern“ ernannt wurden. Kinderschutz-Organisationen berichten von wiederkehrenden Ängsten der minderjährigen Bewohner.
- Zerstörte Schutzmaßnahmen: Zahlreiche leerstehende Wohnungen, die zuvor verbarrikadiert wurden, sind erneut aufgebrochen worden.
- Rückkehr des Unrats: Auf einem Zwischendach türmen sich wieder massive Müllberge – von gebrauchten Windeln bis hin zu ausrangierten Haushaltsgeräten.
Zwischen Mieterhöhungen, Räumungsklagen und Chaos
Auch die Kommunikation bezüglich der Zukunft der Mieter sorgt für Verwirrung. Zwar beteuert Projektkoordinatorin Gesa Abram von der Sivius GmbH nach wie vor, dass die Bewohner während der anstehenden Sanierungsarbeiten in andere Trakte umziehen sollen und eine Entmietung keineswegs das primäre Ziel sei, doch die Realität spricht eine andere Sprache. Im Sommer war noch von rund 300 Wohnungen und 118 geplanten Räumungsklagen wegen angeblicher Mietrückstände die Rede. Bei den zuständigen Gerichten sind diese Klagen bislang jedoch kaum eingegangen.
Rechtsexperten wie der Göttinger Mietrechtler Niels Spörkel zeigen sich überrascht über die Behauptungen des Investors bezüglich offener Mietzahlungen. In vielen Fällen sei die Miete aufgrund massiver Mängel – wie Schimmelbefall oder Kakerlaken – völlig zu Recht gemindert worden. Für betroffene Mieter wie Calina Farcas-Moldovan, die in ihrer von Ungeziefer befallenen Wohnung ebenfalls die Zahlungen reduziert hatte, herrscht pure Resignation: Die Eigentümer würden sich schlicht nicht dafür interessieren, unter welchen Bedingungen die Menschen dort leben.
Politische Reaktionen und die Suche nach Lösungen
Die Stadtverwaltung steht angesichts dieser Zustände unter immensem Druck. Nachdem man sich zu Beginn der Investorenübernahme noch optimistisch gezeigt hatte, räumt die Verwaltung mittlerweile ein, dass die Bemühungen im Objekt drastisch nachgelassen haben. Im September beschlossene Anträge im Stadtrat sehen weitreichende Schritte vor, darunter möglicherweise die Ausweisung als offizielles Sanierungsgebiet. Dies würde der Stadt erweiterte Mitspracherechte einräumen, stellt jedoch gleichzeitig einen drastischen Eingriff dar.
Die Debatte um Transparenz, korrekte Datenverwaltung und Verantwortlichkeiten erinnert in ihrer Komplexität an andere behördliche und politische Herausforderungen in unserem Bundesland, wie sie beispielsweise bei der Diskussion über digitale Spuren der Macht und Aktenarchivierung deutlich werden. Ob die Gespräche zwischen der Stadt Göttingen, den Stadtwerken und der Sivius GmbH noch rechtzeitig zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen vor dem vollkommenen Einbruch des Winters führen, bleibt abzuwarten. Die Menschen in der Groner Landstraße 9 brauchen jedenfalls dringend mehr als nur leere Versprechungen.
Häufige Fragen
Warum haben die Bewohner der Groner Landstraße 9 kein Warmwasser?
Die Stadtwerke Göttingen haben die Warmwasserzufuhr abgestellt, da über einen langen Zeitraum hinweg Rechnungen von den Eigentümern nicht beglichen wurden. Auch stundenbasierte Lösungsversuche scheiterten, und eine vom Stadtrat gesetzte Frist zur Übernahme des laufenden Betriebs verstrich ohne Ergebnis.
Wie steht es um die angekündigte Sanierung durch den Investor?
Die Sivius GmbH hatte beim Erwerb der Mehrheit der 430 Wohnungen angekündigt, das Quartier zu modernisieren und die Bewohner während der Bauarbeiten intern umzusiedeln. Neun Monate später klagen Mieter jedoch über anhaltenden Stillstand, fehlende Heizung, Kakerlakenbefall und ungelöste soziale Probleme.
Welche Maßnahmen plant die Stadt Göttingen?
Der Stadtrat hat im September ein Maßnahmenpaket beschlossen. Diskutiert wird unter anderem die Ausweisung des Areals als offizielles Sanierungsgebiet, um der Stadtverwaltung weitreichendere rechtliche Eingriffs- und Mitspracherechte zur Durchsetzung von Standards zu sichern.
Die Entwicklungen in Göttingen zeigen einmal mehr, wie fragil der Wohnungsmarkt in Problemimmobilien sein kann. Wir halten Sie über die weiteren Schritte auf dem Laufenden.