Polizei, Zoll und Veterinäramt hatten in Göttingen zuletzt immer wieder E-Zigaretten und illegale, teils THC enthaltende Vapes beschlagnahmt. Insbesondere bei Kontrollen in Kiosken wurden die Behörden fündig, einzelne Geschäfte mussten sogar schließen. Im Interview mit NDR Niedersachsen erklärt die Pneumologin Cordula Buck, was diese Vapes für die Göttinger Universitätsmedizin bedeuten und warum Jugendliche besonders gefährdet sind. Frau Dr. Buck, wie häufig behandeln Sie Menschen wegen des Konsums illegaler Vapes? Cordula Buck: Erstaunlicherweise eher selten. Im letzten Jahr hatten wir maximal eine Handvoll entsprechender Patienten. Einer wurde auf der Intensivstation behandelt, weil er eine schwere Lungenerkrankung davongetragen hatte. Bei so etwas sprechen wir von einer E-Zigaretten- oder Vaping-assoziierten Lungenschädigung, kurz EVALI. Die war schwerwiegend, mit Medikamenten und Beatmungstherapie ist der Patient wieder genesen - was allerdings eine Weile gedauert hat. Grundsätzlich sind bleibende Schäden nicht auszuschließen. Warum finden Sie illegale Vapes beunruhigend? Buck: EVALI ist am ehesten auf illegale Vapes zurückzuführen. Bei einer Krankheitswelle in den USA sind 2019 ca. 2.800 Menschen nach dem Konsum von Liquids mit einem bestimmten öligen Verdickungsmittel erkrankt, mindestens 68 starben. Es kam zu einer ausgeprägten Schädigung des Lungengewebes und der Lungenbläschen bis hin zur sogenannten Schocklunge. Die Patienten mussten beatmet werden und einige haben es nicht überlebt. Ihr Göttinger Patient hatte also Glück? Buck: Wir können nicht genau sagen, was er konsumiert hatte. Die Inhaltsstoffe bei Vapes werden manchmal nicht richtig angegeben, bei illegalen Vapes wird mitunter gar nichts deklariert. Welcher Altersgruppe gehören ihre Patientinnen und Patienten typischerweise an? Buck: Es sind vor allem junge Erwachsene und Jugendliche, die mit diesen Stoffen in Verbindung kommen. Vapes sind ja meist aromatisierte E-Zigaretten, die wie Süßigkeiten bunt verpackt sind und stylische Namen haben. Das spricht insbesondere Kinder und Jugendliche an. Wenn dann illegale Substanzen enthalten sind, wird es natürlich besonders gefährlich. Sind legale Vapes denn harmloser? Buck: Auch in denen sind Stoffe, die insbesondere für Kinder und Jugendliche gefährlich sind. Bei der Erhitzung der Liquids kann die Trägersubstanz krebserregendes Formaldehyd bilden, das dann inhaliert wird. Und meistens ist Nikotin enthalten. Gerade bei neueren Vapes flutet das sehr schnell an, was ein großes Abhängigkeitspotenzial mit sich bringt. Hinzu kommen die ungefähr 2.500 Aromen, die mitunter kombiniert werden - und die nur in trockenem Zustand untersucht wurden, nicht, wie sie sich bei Erhitzung verhalten. Auch aus der Heizspirale können sich Schwermetalle lösen und in den Atemwegen Schäden verursachen. Das inhalierte Aerosol der Vapes besteht aus kleinsten Partikeln, die tief in die Atemwege eindringen. Und die illegalen Vapes? Buck: Es grassieren gerade illegale Vapes, denen synthetische Cannabinoide zugesetzt sind. Illegale Vapes können auch andere toxische Stoffe, Lösungsmittel oder auch Pestizide beinhalten. Auch sind illegale Vapes gefährlicher, weil sie häufig einen höheren Nikotingehalt haben. Es kann zu einer Nikotinvergiftung kommen. Bei hohen Dosen können starke Verwirrtheit, Krampfanfälle, starke Müdigkeit, Muskelschwäche und Lähmungserscheinungen auftreten. Wenn dann illegale Substanzen wie synthetische Cannabinoide oder Lösungsmittel hinzukommen, können sich die Symptome noch mal verstärken. Das kann tödlich enden. Nun gehen Polizei und Ordnungsamt in Göttingen bereits gegen illegale Vapes vor. Die EU erwägt, Einweg-E-Zigaretten zu verbieten, auch bestimmte Aromen dürfen bald nicht mehr zugesetzt werden … Buck: Ich bin da noch nicht so hoffnungsvoll, dass das wirklich so passiert. Die Tabakindustrie hat immer noch großen Einfluss und die Umsetzung ist schwierig. Es geht gerade vor allem um 13 Aromen, die in Deutschland verboten werden sollen. Andere Länder sind da weiter. In China, wo die meisten E-Zigaretten hergestellt werden, sind aromatisierte Vapes seit 2022 ganz verboten. Sie selbst würden also stärker durchgreifen? Buck: Insbesondere Kinder und Jugendlich konsumieren aromatisierte E-Zigaretten. Bei ihnen sind Lunge und Gehirn noch in der Entwicklung und tragen womöglich größere Schäden davon. Gäbe es nur noch E-Zigaretten mit Tabakgeschmack, wären sie für Kinder und Jugendliche weniger interessant. Sie stehen Vapes und E-Zigaretten sehr skeptisch gegenüber … Buck: Vielleicht noch ein abschließender Aspekt: Die Einweg-E-Zigaretten und Vapes sind wegen der Lithium-Akkus Sondermüll, der leider oft im Hausmüll landet. Auch ist die Förderung von Lithium aufwendig. Der Rohstoff könnte für andere Technologien wie E-Autos oder Smartphones genutzt werden. Auch deshalb fände ich es sehr sinnvoll, diese gesamten Produkte zu verbieten. Das Interview führte Wieland Gabcke. Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde zur besseren Lesbarkeit leicht editiert. Dieses Thema im Programm: