Für die knapp 55.000 Mitglieder der Volksbank BRAWO bricht eine völlig neue Zeitrechnung an. Wer in der Vergangenheit gewohnt war, von attraktiven Ausschüttungen und üppigen Renditen zu profitieren, muss sich nun auf eine drastische Durststrecke einstellen. Wie der Vorstand bei einem Bilanzpressegespräch im September 2026 bekannt gab, wird es für das Geschäftsjahr 2025 keine Dividende geben. Damit zieht das Geldinstitut die Notbremse nach einer massiven Krise, die das Fundament der Genossenschaftsbank erschüttert hat und weitreichende Konsequenzen für die gesamte Region nach sich zieht.

Ein harter Schnitt nach jahrelangen Rekorden

In den vergangenen Jahren konnten sich die Teilhaber der Bank über konstante und zum Teil für den Genossenschaftssektor ungewöhnlich hohe Dividenden freuen, die in der Spitze bei bis zu zehn Prozent lagen. Diese Zeiten gehören vorerst der Vergangenheit an. Vorstandssprecher Dr. Lars Berkefeld machte unmissverständlich klar, dass das ausgewiesene Jahresergebnis für den Berichtszeitraum 2025 keinerlei Ausschüttungen zulässt. Die Vertreter der Mitglieder wurden in fünf regionalen Foren bereits über diesen schmerzhaften Schritt ins Bild gesetzt.

Auch für die kommenden Jahre dämpft die Führungsebene die Erwartungen massiv. Von den gewohnten prozentualen Höhen werden sich die Teilhaber auf absehbare Zeit verabschieden müssen. Folgende Kernpunkte prägen die neue Realität für die Mitglieder:

  • Keinerlei Dividendenzahlung für das gesamte Geschäftsjahr 2025.
  • Geplante „Sanierungsdividende“ in den Folgejahren voraussichtlich nur im Bereich von ein bis zwei Prozent – allerdings ohne verbindliche Garantie.
  • Strikte Ausrichtung auf die Thesaurierung, bei der erwirtschaftete Gewinne im Unternehmen verbleiben, um die Eigenkapitalbasis zu stärken.
  • Unmittelbare Betroffenheit von rund 55.000 Mitgliedern, während die Einlagen der insgesamt über 166.000 Kunden uneingeschränkt sicher sein sollen.

Hintergrund

: Wie es zur Krise und zum Millionenverlust kam

Hinter dem abrupten Dividenden-Stopp verbergen sich massive wirtschaftliche Verwerfungen, die das traditionelle Bankhaus in eine schwere Schieflage manövriert haben. Auslöser waren vor allem Belastungen in bankfernen Geschäftsfeldern, die das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit für 2025 auf einen Fehlbetrag von minus 131,8 Millionen Euro drückten. Durch die Teilauflösung des Fonds für allgemeine Bankrisiken und die Unterstützung durch den genossenschaftlichen Sektor stand am Ende ein formaler Jahresüberschuss von mageren 192.000 Euro in den Büchern.

Das tatsächliche Ausmaß der Risiken zeigt sich jedoch in den Neubewertungen des Portfolios. Ohne externe Hilfen und stille Reserven hätten sich negative Bewertungseffekte in Höhe von 608,1 Millionen Euro summiert. Eine genaue Analyse der Herkunft dieser Summe verdeutlicht, wo die eigentlichen Problemherde lagen:

  • 80 Prozent der Bewertungseffekte entfielen auf den Sektor Real Estate (Immobilien).
  • 13 Prozent stammten aus dem Bereich Corporate Investments (Beteiligungen).
  • 3 Prozent entfielen auf das Geschäftsfeld Green Energy.
  • Lediglich 4 Prozent wurzelten im klassischen Bankgeschäft.

Das klassische Privat- und Firmenkundengeschäft hat somit stabil gearbeitet; die Verluste wurden fast ausschließlich durch externe Beteiligungen und Immobilienaktivitäten verursacht.

Stützungsmaßnahmen und strategische Neuausrichtung

Um die Stabilität der Bank nachhaltig zu sichern, hat die Sicherungseinrichtung des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) weitreichende Rettungsanker ausgelegt. Es wurden Garantien über 473 Millionen Euro gewährt, deren Laufzeit auf fünf Jahre angelegt ist. Zusätzlich wurden Genossenschaftsguthaben des BVR von bis zu 250 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Das Gesamtvolumen dieser Absicherungen beläuft sich somit auf maximal 723 Millionen Euro.

Mit diesem finanziellen Polster im Rücken vollzieht die Volksbank BRAWO einen radikalen Kurswechsel. Künftig soll der Fokus wieder strikt auf dem traditionellen Bankgeschäft in der Region liegen. Risikoanfällige und bankferne Strukturen werden abgewickelt oder verkleinert:

  • Immobilienbereich: Nicht zum Kerngeschäft passende Objekte werden schrittweise vermarktet. Große Vorhaben wie der erste Bauabschnitt der BRAWO Arkaden in Wolfsburg werden zwar beendet, doch neue Großprojekte vorerst nicht gestartet.
  • Green Energy: Aktuell laufen intensive Gespräche mit strategischen Investoren, um diesen Geschäftsbereich komplett oder in Teilen zu veräußern.
  • Beteiligungen: Das Portfolio wird bereinigt, um künftige finanzielle Schieflagen von vornherein auszuschließen.

Fazit und Blick nach vorn

Der radikale Sparkurs und der Verzicht auf nennenswerte Ausschüttungen markieren eine historische Zäsur für die Volksbank BRAWO. Während die Bankkunden durchatmen können, da ihre Einlagen geschützt sind und der Geschäftsbetrieb uneingeschränkt weiterläuft, müssen sich die Mitglieder auf eine lange Durststrecke einstellen. Ob die angekündigte Rückbesinnung auf das regionale Kerngeschäft und der geordnete Verkauf der Problemsparten ausreicht, um das Vertrauen der Teilhaber langfristig zurückzugewinnen, werden die kommenden Jahre zeigen müssen. Die oberste Priorität liegt nun darauf, die Bilanz zu bereinigen und das Institut wieder auf ein solides, krisenfesteres Fundament zu stellen.

Häufige Fragen

Warum wurde die Dividende für 2025 komplett gestrichen?

Wegen schwerer wirtschaftlicher Belastungen aus Beteiligungen und Immobilienaktivitäten rutschte das operative Geschäft tief in die roten Zahlen. Um die Bank zu stabilisieren und Eigenkapital im Haus zu behalten, gibt es für 2025 keinerlei Ausschüttung.

Sind die Einlagen der Kunden von dieser Krise betroffen?

Nein. Die Bank hat mehrfach betont, dass alle Kundeneinlagen sicher sind. Die Probleme resultieren fast ausschließlich aus bankfernen Geschäftsfeldern wie dem Immobilien- und Beteiligungssektor, nicht aus dem klassischen Einlagengeschäft.

Wie hoch fallen künftige Dividendenzahlungen aus?

Der Vorstand stellt sich auf eine sogenannte Sanierungsdividende ein, die in den kommenden Jahren schätzungsweise bei ein bis zwei Prozent liegen könnte. Garantien dafür gibt es jedoch nicht; alles hängt vom Sanierungsfortschritt ab.