Die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Gifhorn steht vor einer weitreichenden organisatorischen Veränderung. In seiner Sitzung hat der Ausschuss für Feuerschutz und Rettungswesen eine historische Empfehlung ausgesprochen, die den künftigen Brandschutz und die Rettungsdienste nachhaltig prägen wird. Im Zentrum der Überlegungen steht eine mögliche Verlagerung beziehungsweise enge Kooperation der Integrierten Leitstelle mit der etablierten Regionalleitstelle in Braunschweig. Während Befürworter vor allem in den Bereichen Betriebssicherheit, Personalausfall und Qualitätsmanagement erhebliche Vorteile sehen, wird das Vorhaben in der Region auch kritisch diskutiert. Die finalen Weichen für diese zukunftsweisende Entscheidung im Landkreis Gifhorn werden in Kürze vom Kreistag gestellt.

Hintergrund: Warum die Leitstellenstruktur auf dem Prüfstand steht

Der Landkreis Gifhorn ist bereits seit dem Jahr 2020 fester Bestandteil des virtuellen Leitstellenverbunds „Heideverbund“, zu dem zudem die Landkreise Celle, Lüchow-Dannenberg und Uelzen gehören. Bei diesem Kooperationsmodell arbeiten die jeweiligen Standorte auf technischer Ebene Hand in Hand, bleiben jedoch in ihrer Eigenständigkeit vollkommen unberührt. Nachdem jedoch sowohl die Nachbarstadt Wolfsburg als auch die Großstadt Braunschweig ihr starkes Interesse an einer intensivierten Zusammenarbeit signalisiert hatten, sah sich die Kreisverwaltung in der Pflicht, die bestehenden Strukturen einer ergebnisoffenen und tiefgreifenden Prüfung zu unterziehen.

Ziel dieser umfassenden Organisationsuntersuchung war es herauszufinden, ob das bisherige Modell auch in den kommenden Jahrzehnten den steigenden Anforderungen an den Notruf gewachsen ist. Dabei wurden im Rahmen einer Machbarkeitsstudie verschiedene Zukunftsmodelle detailliert analysiert und miteinander verglichen. Neben dem Heideverbund standen auch eine engere Anbindung an die Regionalleitstelle Wolfsburg-Helmstedt sowie die nun favorisierte Kooperation mit der Regionalleitstelle Braunschweig/Wolfenbüttel/Peine auf dem Prüfstand. Im Fokus standen dabei stets die Kernkriterien der Daseinsvorsorge für die Region.

Das Untersuchungsergebnis: Sicherheit hat oberste Priorität

Bei der Auswertung der verschiedenen Optionen legten die Gutachter einen strengen Maßstab an. Wirtschaftliche Erwägungen spielten zwar eine Rolle, wurden jedoch bewusst hinter die qualitativen Anforderungen an den Schutz der Bevölkerung zurückgestellt. Im Mittelpunkt standen folgende Faktoren:

  • Technische und organisatorische Ausfallsicherheit: Wie robust ist das System bei extremen Störungen oder Cyberangriffen?
  • Personelle Ressourcen: Gibt es genügend Fachpersonal, um auch in Krisensituationen Spitzenbelastungen abzufangen?
  • Qualitätsmanagement: Wie gut ist die kontinuierliche Überwachung und Optimierung der Notrufannahme?
  • Einsatzdisposition: Wie reibungslos verläuft die Alarmierung von Feuerwehr, Rettungsdienst und Hilfsorganisationen?

Das eindeutige Resultat der Untersuchung: Die Zusammenarbeit mit der Regionalleitstelle Braunschweig/Wolfenbüttel/Peine bietet den größtmöglichen Schutz für die Bevölkerung im Landkreis Gifhorn. Insbesondere beim komplexen Personalausfallkonzept und bei der professionellen Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter zeigt diese Variante signifikante Vorzüge gegenüber den anderen Optionen. Der bisherige Heideverbund, so betonen die Experten, erreiche dieses hohe Niveau auf absehbare Zeit nicht.

Politische Reaktionen und der Blick nach vorn

Landrat Philipp Raulfs hat sich klar hinter die Empfehlung des Ausschusses gestellt und betont, dass es sich hierbei keineswegs um eine reine Sparmaßnahme handele. „Wer die 112 wählt, muss sich darauf verlassen können, dass schnell und professionell geholfen wird – und zwar an jedem Tag und zu jeder Uhrzeit“, erklärte Raulfs nach der Sitzung. Gleichzeitig zollte er dem bisherigen Heideverbund Respekt, der in den vergangenen Jahren stets zuverlässig gearbeitet habe. Dennoch gelte es als verantwortungsvoller Landkreis, bestehende Strukturen kontinuierlich zu hinterfragen und im Sinne der Bürger anzupassen.

Neben der Leitstellenfrage befasste sich der Ausschuss auch mit der Wirtschaftlichkeit eines geplanten Neubaus für ein Bevölkerungsschutzzentrum am Standort Im Heidland. Hierbei soll eine moderne und zukunftsfähige Infrastruktur für den Katastrophenschutz entstehen. Die Verwaltung wurde beauftragt, vor der finalen Beschlussfassung noch genauere Berechnungen zu den finanziellen Auswirkungen sowie möglichen Bundesförderungen aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität vorzulegen.

Häufige Fragen

Wann fällt die endgültige Entscheidung über die Leitstellenkooperation?

Nachdem der Ausschuss für Feuerschutz und Rettungswesen eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen hat, wird sich der Kreistag des Landkreises Gifhorn in seiner Sitzung am 26. August mit dem Thema befassen und den endgültigen Beschluss fassen.

Gibt es auch Kritik an der geplanten Zusammenarbeit mit Braunschweig?

Ja, das Vorhaben sorgt in der Region durchaus für Diskussionen. Kritiker befürchten unter anderem einen Verlust regionaler Kompetenzen und fordern, dass die Besonderheiten und Ortskenntnisse des ländlich geprägten Landkreises Gifhorn auch in einer größeren Kooperation uneingeschränkt gewahrt bleiben.

Was passiert mit den Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Gifhorn?

Die Verantwortlichen betonen ausdrücklich, dass die Belange der Ehrenamtlichen und der Freiwilligen Feuerwehren bei allen Umstrukturierungen weiterhin oberste Priorität haben und regional eingebunden bleiben sollen.

Die kommenden Wochen bis zur Kreistagssitzung werden zeigen, ob der politische Weg frei für die neue Kooperation ist. Sollte der Beschluss gefasst werden, beginnt eine intensive Phase der Detailplanung und vertraglichen Ausgestaltung, um den Bevölkerungsschutz im Landkreis Gifhorn langfristig auf ein zukunftssicheres Fundament zu stellen.