In den vergangenen Tagen kursieren in Gifhorn zwei kurze Videos, in denen sich eine Kandidatin für das Bürgermeisteramt zur Debatte um Geschlecht und Pronomen äußert. Sie reagiert darin auf Aussagen anderer – etwa auf die Bitte, Menschen mit den Pronomen anzusprechen, die sie sich wünschen, oder auf die Frage, wer eigentlich festgelegt habe, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Ihre Antworten fallen knapp und spöttisch aus; die Originalclips sind in diesem Beitrag eingebunden, jede und jeder kann sie sich selbst ansehen.
Vorab: Es ist völlig legitim, in dieser Debatte unterschiedlicher Meinung zu sein. Und es ist auch legitim, dass eine Kandidatin öffentlich Position bezieht – dafür ist Wahlkampf da. Dieser Beitrag ist ebenfalls eine Meinung. Es geht hier nicht darum, eine Haltung für richtig oder falsch zu erklären, sondern um zwei Dinge: die Sache selbst – und den Ton.
Worüber eigentlich gestritten wird
Wer mit „dann schau halt in deine Hose“ auf die Frage nach den Geschlechtern antwortet, beantwortet eine Frage, die so nicht gestellt wurde. Die Verwechslung steckt schon in unserer Sprache: Das Deutsche hat nur ein Wort – „Geschlecht“ – für zwei Dinge, die das Englische trennt.
Das biologische Geschlecht meint Körpermerkmale: Chromosomen, Hormone, Anatomie. Die allermeisten Menschen sind hier eindeutig männlich oder weiblich; daneben gibt es seltene, medizinisch anerkannte Varianten der Geschlechtsentwicklung. Das soziale Geschlecht und die Geschlechtsidentität meinen etwas anderes: gesellschaftliche Rollen und das innere Empfinden, welchem Geschlecht ein Mensch sich zugehörig fühlt. Diese Unterscheidung ist keine Erfindung der letzten Jahre – Medizin und Sozialwissenschaften machen sie seit Jahrzehnten.
Die Frage „wer hat entschieden, dass es nur zwei Geschlechter gibt“ zielt auf diese zweite Ebene – auf das Soziale, das Kulturelle. Ein Hinweis auf die Anatomie geht daran vorbei. Man muss die Antwort der Fragestellerin nicht teilen. Aber man widerlegt eine Frage nicht, indem man sie ins Lächerliche zieht.
Was man der anderen Seite zugestehen sollte
Genauso ehrlich gehört dazu: Viele Menschen in Gifhorn teilen ein Unbehagen darüber, wie schnell sich diese Debatten verändern. Skepsis ist kein Vergehen. Und die eigentlich harte Frage – wie viel gesellschaftliches und rechtliches Gewicht die selbst empfundene Identität bekommen soll – lässt sich nicht allein mit Wissenschaft beantworten. Das ist eine Wertefrage, bei der vernünftige Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Wer hier eine zurückhaltende Position vertritt, ist nicht automatisch im Unrecht.
Der Unterschied zwischen Widerspruch und Hohn
Bleibt der Ton. Der Satz, auf den in einem der Videos reagiert wird, ist eigentlich unspektakulär: Respekt kostet nichts. Jemanden so anzusprechen, wie er es sich wünscht, ist für die einen selbstverständliche Höflichkeit, für die anderen eine Zumutung – auch darüber darf man streiten.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen Widerspruch und Hohn. Über eine Position zu spotten, statt ihr zu begegnen, klärt nichts. Und es trifft am Ende nicht abstrakte „Ideologien“, sondern Nachbarinnen und Nachbarn: Menschen, die sich mit ihrer Identität schwertun, und die Familien, die sie lieben. Auch sie leben in dieser Stadt.
Gerade von Menschen, die ein öffentliches Amt anstreben, darf man erwarten, dass sie auch mit Meinungen umgehen können, die sie nicht teilen – ohne Verächtlichmachung. Das ist keine Frage von „woke“ oder „anti-woke“. Es ist schlicht eine Frage des Anstands in der öffentlichen Auseinandersetzung. Wer eine ganze Stadt vertreten will, vertritt auch die, die anders denken und anders leben.
Wir müssen uns nicht in jeder Antwort einig sein. Aber wir können erwarten, dass argumentiert statt ausgelacht wird. Das wäre schon viel.
Die Videos bei Instagram: Video 1 · Video 2
Der Autor lebt in Gifhorn und ist hier wahlberechtigt. Dies ist ein Meinungsbeitrag und gibt die persönliche Auffassung des Autors wieder.