Wenn sich die Wasseroberfläche des Okerstausees im Harz glättet, ahnen Spaziergänger oft nicht, welch dramatische Geschichte sich einst im tiefen Weißwassertal abgespielt hat. Vor fast siebzig Jahren verschwand ein komplettes Dorf von der Landkarte, um Platz für eines der beeindruckendsten Wasserbauprojekte Norddeutschlands zu machen. Die Umsiedlung der fast 300 Einwohner aus dem historischen Waldarbeiterdorf ist bis heute ein einmaliges Kapitel in der Geschichte der Region und fasziniert Heimatforscher sowie Touristen gleichermaßen.
Der lange Weg zum Abschied: Jahrzehnte der Ungewissheit
Das schicksalhafte Ende des alten Schulenbergs kam keineswegs über Nacht. Bereits im Jahr 1912 registrierten die Bewohner erste Vermessungsarbeiten in ihrer direkten Nachbarschaft. Doch erst 1928 erhielten die Gemeindevertreter ein offizielles Dokument, das die Zukunft des Ortes besiegelte: Das aus Unter-, Mittel- und Ober-Schulenberg bestehende Siedlungsgebiet sollte überflutet werden.
Mit diesem Schreiben begann für die Menschen eine fast unerträgliche Phase der Stagnation:
- Ein striktes Bauverbot trat in Kraft, das jegliche Modernisierungen untersagte.
- Entschädigungen wurden ausschliesslich für den Zustand gewährt, den die Gebäude am Tage der amtlichen Mitteilung aufwiesen.
- Über ein Vierteljahrhundert lebten die Familien in ständiger Ungewissheit, da der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Arbeiten vorübergehend zum Erliegen brachte.
Niemand wagte es, sich den behördlichen Anweisungen zu widersetzen. Die Häuser verfielen allmählich, während im Hintergrund die Planungen für die gigantische Talsperre weiterliefen.
Der Bau der Okertalsperre und die Rettung vor den Fluten
Die treibende Kraft hinter dem Grossvorhaben war der dringende Bedarf an Hochwasserschutz. Nach massiven Schneeschmelzen in den Mittelgebirgen traten Flüsse wie die Oker regelmässig über die Ufer und verwüsteten flussabwärts gelegene Städte wie Braunschweig und Wolfenbüttel. Um diese Naturkatastrophen zu binden, entschieden sich Ingenieure für den Bau einer massiven Betonmauer.
Ab 1949 liefen die Bauarbeiten unter Hochdruck weiter. Die zuständigen Harzwasserwerkekauften die Liegenschaften auf und liessen sie bis auf die Fundamente abtragen. Knapp 30.000 Kubikmeter Hochwald mussten gerodet werden, um Platz für das künftige Becken zu schaffen. Im März 1956 erfolgte schliesslich der erste Einstau, und im Oktober desselben Jahres nahm das Bauwerk offiziell den Betrieb auf.
Der grosse Umzug im Spätsommer 1954
Der eigentliche Abschied vom alten Zuhause markierte einen historischen Wendepunkt im August 1954. Unter grosser Anteilnahme der Öffentlichkeit verliessen die letzten Einwohner ihr Tal. Medienvertreter aus ganz Europa reisten an, um den historischen Treck zu dokumentieren. Rund 10.000 Gäste begleiteten die Dorfbewohner auf ihrem Weg.
Ihr neues Zuhause fanden die Schulenberger oberhalb des Stausees auf dem „Kleinen Wiesenberg“. In etwa 490 Metern Höhe entstand eine moderne Siedlung mit herrlichem Blick auf das neue Gewässer und den mächtigen Brocken. Bis heute sind die Schulenberger übrigens die einzigen Bewohner des Harzes, die wegen eines Staudammprojekts komplett umgesiedelt werden mussten – andere Gemeinden wie Sieber wehrten sich erfolgreich gegen ein ähnliches Schicksal.
Hintergrund
Der Harz gehört zu den niederschlagsreichsten Regionen in Deutschland, weshalb hier bereits im 16. Jahrhundert ein komplexes System aus Gräben und Teichen für den Bergbau angelegt wurde. Ein echter Bauboom für grosse Talsperren setzte jedoch in den 1950er- und 1960er-Jahren ein, als Industrie und Bevölkerung nach verlässlicher Energie und geregelten Wassermassstäben verlangten. Die Okertalsperre mit ihrer 75 Meter hohen und 260 Meter langen Staumauer entwickelte sich schnell zu einem technischen Meisterwerk. Sie kann bis zu 47 Millionen Kubikmeter Wasser fassen und dient neben dem Hochwasserschutz auch der Stromerzeugung sowie der Trinkwasserbereitstellung.
Heute hat sich das Gebiet rund um das neue Schulenberg zu einem wahren Touristenmagneten gewandelt. Im Sommer strömen Wanderer, Kletterer und Mountainbiker in den Harz, während im Winter Skigebiete und Loipen locken. Der Okerstausee, oft auch als „Vierwaldstättersee des Harzes“ bezeichnet, lädt zum Segeln, Tauchen und Bootfahren ein.
Häufige Fragen
Kann man heute noch Überreste des alten Dorfes im Okerstausee sehen?
Ja, bei extremem Niedrigwasser sinkt der Wasserspiegel des Stausees so weit ab, dass vereinzelt alte Grundmauern und Strassenfragmente der abgerissenen Gebäude zum Vorschein kommen. Diese Relikte bieten einen faszinierenden und zugleich melancholischen Einblick in die Vergangenheit.
Stimmt es, dass man unter Wasser noch ein Kirchturmspitze und Glocken hören kann?
Nein, das ist eine hartnäckige Legende. Im alten Schulenberg gab es vor der Umsiedlung gar kein Gotteshaus. Die zeitweise sichtbare Kirchturmspitze im See ging auf einen cleveren Scherz eines Schifffahrtskapitäns zurück, der dort eine Attraktion verankert hatte.
Welche Freizeitmöglichkeiten bietet die Okertalsperre heute?
Der Stausee ist ein beliebtes Naherholungsgebiet. Ausserhalb ausgewiesener Sperrzone ist das Baden, Schwimmen und Tauchen gestattet. Zudem verkehrt ein Linienschiff auf dem Gewässer, und Wassersportler nutzen die guten Bedingungen zum Surfen, Segeln und Tretbootfahren.
Die Geschichte des alten Schulenbergs bleibt ein eindrucksvolles Zeugnis davon, wie stark Eingriffe des Menschen die Natur und das Leben ganzer Generationen verändern können. Während die Fluten des Okerstausees das Tal für immer bedeckt haben, lebt der Geist der alten Gemeinschaft im modernen, touristisch vielseitigen Schulenberg im Oberharz weiter.